Eine Lunge, geformt aus zwei Wäldern, brennt
01.08.2022    Janina Modes
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Wäre das Gesundheitswesen ein Land, wäre es der fünftgrößte CO2-Emittent weltweit. Die Branche ist aktuell für 4,4 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich – mehr als die Luftfahrt oder die Schifffahrt.

Diese Menge zu reduzieren ist eine enorme Herausforderung – zumal etwa die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung hat. Dazu kommt weiterer Handlungsdruck für bestehende Gesundheitssysteme: Die Bevölkerung in den Industrienationen altert, und Fachkräfte in Gesundheits- und Pflegeberufen fehlen.

Je digitaler, desto nachhaltiger sind Prozesse? Nicht immer!

Die Digitalisierung könnte der Schlüssel zu einer radikalen Verbesserung der Lebenssituation für viele sein, da digitale Lösungen besser skalierbar sind. So könnten sie eine umfassendere, flächendeckendere Prävention sowie eine bessere Triage ermöglichen und die Kosten pro Behandlung senken.

Doch hier ist Vorsicht geboten. Denn laut Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit kann die Digitalisierung zu einem Rebound-Effekt führen. Die Nutzung von IT führt zu einer höheren Effizienz in Prozessen – was erst einmal positiv ist. Doch zugleich nimmt damit auch der Einsatz von IT zu, neue Produkte entstehen, Wachstum wird generiert – und in der Folge steigen die Treibhausgasemissionen.

Denn Informations- und Kommunikationstechnologie produziert Unmengen an Daten. Diese müssen nicht nur möglichst in Echtzeit von A nach B transportiert, sondern auch auf Servern gespeichert werden. Und Rechenzentren können wahre Klimakiller sein.

Den CO2-Fußabdruck immer im Auge behalten

Wie das Gesundheitswesen der Zukunft gestaltet ist, entscheidet sich also im Spannungsfeld zwischen Klimakrise und der Notwendigkeit zur digitalen Transformation. Schlussendlich gilt: Die Digitalisierungsbestrebungen in der Branche müssen sicherstellen, dass die durch IT erzielten Ressourceneinsparungen größer sind als der ökologische Fußabdruck, den die Technologie hinterlässt.

Maximieren ließen sich die Ressourceneinsparungen beispielsweise durch die Nutzung kohlenstofffreier Cloud-Lösungen und einer Hardware, die lange eingesetzt und wiederaufbereitet werden kann. Was das bewirken kann, zeigt unter anderem eine Bitkom-Studie zu den Klimaeffekten der Digitalisierung: Durch den konsequenten  Einsatz von IT ließen sich bis 2030 in Deutschland 28 Prozent CO2 einsparen.

Dematerialisierung als wichtiger Hebel für Nachhaltigkeit

Was ist nun also konkret zu tun, um im Gesundheitswesen eine nachhaltige digitale Infrastruktur zu schaffen?

Dr. Uwe Heckert, Market Leader DACH und Vorsitzender der Geschäftsführung der Philips GmbH, beschreibt einen Ansatz, der schon zu Beginn der Entwicklung neuer Produkte und Lösungen ansetzt: „Im Entwicklungsprozess fließen heute neben den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden die unterschiedlichen Aspekte des Eco-Designs ein. Wir stellen uns unter anderem die Frage: Wie lässt sich der Einsatz von Materialien auf ein Minimum reduzieren oder maximal verlängern? Damit berühren wir den Kern der Kreislaufwirtschaft – mit einem Minimum an Ressourcen, idealerweise wiederverwendet, den notwendigen Output zu schaffen.“

Für einen umfassenden Wandel braucht es für Heckert aber noch mehr: „Mit der Digitalisierung haben wir die Chance, Strukturen in der Gesundheitsversorgung neu und deutlich effizienter aufzusetzen. Aber auch hier muss Nachhaltigkeit ein Leitgedanke sein.“

Viele Ansätze, um Nachhaltigkeit zu fördern

Patientinnen und Patienten können ganz konkret dabei helfen, den CO2-Fußabdruck des Gesundheitswesens zu verringern – beispielsweise, indem sie auf telemedizinische Anwendungen zurückgreifen. Diese helfen, die Patientenversorgung aus ressourcenintensiven klinischen Einrichtungen in kostengünstigere häusliche Settings zu verlagern. Laut Bitkom könnten durch Telemedizin und die damit wegfallenden Fahrtwege zu Ärzten oder Therapeuten bis 2030 circa 400.000 Tonnen CO2 gespart werden.

Und rund 6.000 Tonnen CO2 pro Jahr ließen sich durch die elektronische Patientenakte sparen. Schließlich könnten durch eine gute Vernetzung aller Player in der Branche und einen sicheren Datenaustausch Mehrfachuntersuchungen vermieden werden. Es gibt also vielfältige Ansatzpunkte, um das Gesundheitswesen der Zukunft mithilfe der Digitalisierung nachhaltig zu gestalten. Nur müssen alle Beteiligten – ob Ärzteschaft, Industrie, Krankenkassen oder Patientinnen und Patienten – die Möglichkeiten auch konsequent nutzen.

01.08.2022    Janina Modes
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