Eine Ärztin zeigt ihrer Patientin etwas auf einem Tablet, als Symbolbild für die Digitalisierung bei myneva
22.04.2024    Doris Neubauer
  • Drucken

Röntgenbilder sind genauso abgespeichert wie Medikationspläne oder Informationen zum Verbandswechsel. Ab 15. Januar 2025 wird in Deutschland die elektronische Patientenakte (ePA) für alle Versicherten eingeführt – es sei denn, diese widersprechen. Auch E-Health-Anwendungen wie das E-Rezept oder digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind darüber zugänglich. Was hierzulande noch bevorsteht, ist im Nachbarland Österreich seit 2015 bereits im Einsatz und in der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) für Arztpraxen, Gesundheitsdienstleister wie Pflegeeinrichtungen oder Apotheken sowie die Patienten selbst abrufbar.

Europaweite Einführung langwierig

Die elektronische Gesundheitsakte (Electronic Health Records, EHRs) sei „keine neue Idee“, heißt es im White Paper des Unternehmens myneva, eines Anbieters von Softwarelösungen für Pflegeeinrichtungen sowie soziale Dienste in Europa. Dänemark und die Niederlande glänzten bereits in den 1990er-Jahren als Vorreiter auf diesem Gebiet. „Mittlerweile stehen EHRs in den meisten Mitgliedsstaaten zur Verfügung“, schreibt die Autorin Cornelia Sicher-Planinschetz.

In Finnland ist die digitale Plattform KanTa im Einsatz, in der Schweiz SHIP. „Ihre europaweite Einführung hat sich jedoch als langwierig erwiesen“, ergänzt die Pflegeexpertin. Aber: Mitte März einigten sich Unterhändler der EU-Staaten und des EU-Parlaments endlich auf einen EU-Gesundheitsdatenraum. Damit können EU-Bürgerinnen und -Bürger ihre Arzneimittel in einer Apotheke eines anderen EU-Mitgliedsstaats erhalten, weil Verschreibungen elektronisch aus ihrem Wohnsitzland an das Reiseziel übertragen werden.

Zusätzlich liefern Patientenkurzakten Informationen über wichtige gesundheitliche Teilaspekte wie Allergien, derzeitige Medikation oder Vorerkrankungen. Perspektivisch sollen auch medizinische Bilddaten, Laborergebnisse und Krankenhausentlassungsberichte in der gesamten EU verfügbar sein. Die Einführung einer vollständigen Patientenakte ist ebenfalls geplant. Die EU will mit dieser Initiative Bürgern, Angehörigen der Gesundheitsberufe und Forschern einen besseren grenzüberschreitenden Zugang zu Gesundheitsdaten ermöglichen.

Hauptziel bei myneva: Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Datenraums

In vielen Ländern gab es zwar gut ausgebaute Telematik-Infrastrukturen (TI), die die technologische Basis digitaler Gesundheitsversorgung darstellen. In Deutschland etwa sind aktuell laut Analysen von McKinsey & Company anlässlich des „E-Health Monitors 2023/24“ nahezu alle Apotheken (99 Prozent) und Arztpraxen (98 Prozent) an die hiesige IT angeschlossen. Jedoch klagen zwei Drittel (69 Prozent) der Arztpraxen über wöchentliche oder sogar tägliche Probleme mit der Technik.

Damit nicht genug: Zwischen den einzelnen Plattformen und europäischen Mitgliedsländern gab es bis dato keine Integration. Deshalb ist im White Paper von myneva von einem „europäischen E-Health-Mosaik“ und von einem „Flickenteppich der europäischen IT-Landschaft“ die Rede. Um die digitale Technologie effizient und sicher zu nutzen, fordert myneva schon lange übergreifende Standards und einen gemeinsamen europäischen Datenraum. Dass bei diesem EU-Gesundheitsdatennetzwerk, dem European Health Data Space, die Datenschutz- Grundverordnung (DSGVO) berücksichtigt werden muss, versteht sich von selbst.

„Hier sind die Bemühungen allerdings im Entwicklungsstadium“, heißt es seitens myneva, das sich für eine datensichere Cloud-Infrastruktur auf europäischer Ebene stark macht. Eine weitere Schwierigkeit bei einem europäischen Raum für Gesundheitsdaten liegt in der hohen Anzahl unterschiedlicher Akteure. Die Bedürfnisse von Ärzten, Pflegenden, Kliniken, Patienten wie Angehörigen müssten integriert werden.

Letztere sollten „stärker als bisher in die Planungs- und Umsetzungsprozesse“ einbezogen werden, fordert Sicher-Planinschetz. Ihre digitalen Kompetenzen seien genauso zu stärken wie die der Pflegekräfte und anderer Akteure. „Nur durch einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl technische als auch soziale Aspekte berücksichtigt, können E-Health-Technologien in Europa erfolgreich sein“, lautet das Fazit der Autorin. Kommt dieser nicht zustande, wäre das Potenzial verschwendet. Um auf eben dieses insbesondere für den Pflegesektor hinzuweisen, arbeitet myneva als Mitglied des „EAN – European Aging Network“ an einem Grundsatzpapier und möchte der Europäischen Kommission ein Positionspapier mit Vorschlägen unterbreiten.

10 Milliarden Euro in vier Jahren

Das große Potenzial auf ökonomischer Ebene belegen diverse Studien. So prognostizierte „Statista Markets Insights“ dem Bereich E-Health und Telematik einen Umsatzanstieg von aktuell 33,12 Milliarden Euro auf mehr als 42,50 Milliarden Euro bis 2028. Dazu gehören EHRs, mobile Gesundheit (mHealth) sowie Telemedizin und Patientenfernüberwachung mithilfe tragbarer Geräte. „Mit einem im Jahr 2024 erwarteten Volumen von 14,48 Milliarden Euro ist der Bereich Digital Treatment & Care der größte Markt in Europa und besitzt enormes Wachstumspotenzial“, meint Sicher-Planinschetz. Vor allem hierzulande, denn in Deutschland ist das Kontrollieren von Blutdruck oder Puls im Gegensatz zu den USA etwa wenig verbreitet.

Dabei beträgt das Nutzenpoten zial dieser Technologien laut McKinsey rund 4,3 Milliarden Euro jährlich. 67 Prozent entfallen auf die Vermeidung von Krankenhausaufenthalten, 26 Prozent auf kürzere Liegezeiten und die Verschiebung der Behandlung in ambulante Versorgungsformen. Auch Anschlussbehandlungen und Notfalltransporte chronisch Erkrankter könnten vermieden werden. Es sind Vorteile, die E-Health in Zeiten von Fachkräftemangel in der Gesundheitsbranche, hohen Kosten und einer überalterten Gesellschaft unbezahlbar machen.

Zur Person

Porträtbild von Cornelia Sicher-Planinschetz

Cornelia Sicher-Planinschetz

arbeitet neben einer Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt als Senior Consultant bei myneva in Österreich

22.04.2024    Doris Neubauer
  • Drucken
Zur Startseite