Ein Mann sitzt am Schreibtisch und hat sich Post-its auf die Augen geklebt.
16.06.2021    Stefan Heringer und Dr. Nikolaus Braun
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Wenn Sie kleine Kinder oder Enkel haben, kennen Sie das sicherlich: Man spielt Verstecken und muss immer wieder herzhaft lachen über die kindliche Naivität der Kleinen. Diese ziehen sich auf der Couch eine Decke über den Kopf und wundern sich, dass man sie trotz der tollen Idee immer noch findet. Im kindlichen Denken ist etwas, das man nicht sieht auch nicht da – da hilft im Zweifelsfall sogar, die Augen zu schließen und man wird „unsichtbar“.

Die meisten Anleger fürchten sich irrational stark vor Kursschwankungen, statt Sie als unvermeidliche Notwendigkeit zu akzeptieren

Gut, dass wir alle erwachsen sind und uns das nicht mehr betrifft! Oder? Weit gefehlt!

Genau mit der gleichen Naivität gehen Kapitalanleger bei der Bewertung verschiedener Anlageklassen vor. Bei dieser Denkweise sind Aktien und allgemein Kapitalmarktanlagen böse. Die Risiken – sichtbar an den permanenten Schwankungen ‒ sind unglaublich hoch und können einem den letzten Nerv kosten. Gut, dass es „sichere“ Alternativen gibt, die nicht schwanken und bei denen gar nichts schiefgehen kann – denn was Sie nicht sehen, ist ja auch nicht da – oder? Also die Decke über den Kopf gezogen und in sichere Anlagen investieren.

Tagesgelder und Anlagen in Versicherungen sind nur  „gefühlt“ sicher

Kolumne Stefan Heringer und Dr. Nikolaus Braun

Eine solche „sichere Anlage“ ist im Gegensatz zu den bösen Aktien beispielsweise das gute alte Tages- oder Festgeld bei der Bank. Da kann überhaupt nichts passieren. Was man dabei natürlich vergisst, ist die Tatsache, dass es sich dabei schlicht um einen mittlerweile nicht einmal mehr verzinsten Kredit an die jeweilige Bank handelt. Und Finanzunternehmen sind aktuell gerade nicht unbedingt für ihre Solidität und stabile Finanzausstattung bekannt. Jeden Euro über der staatlichen Garantie von 100.000 Euro sollte man sich vor diesem Hintergrund sehr gut überlegen.

Auch bei kapitalbildenden Versicherungen – egal ob klassisch oder fondsgebunden – sind Schwankungen kaum zu sehen. Dafür kaufen Sie sich in den meisten Fällen eine Black Box in der vagen ‒ und meistens völlig unbegründeten ‒ Hoffnung ein, langfristig vernünftige Erträge erzielen zu können. Das Gegenteil ist der Fall. Aber Hauptsache, keine sichtbaren Risiken: einmal abgeschlossen, abgeheftet und das leidige Thema Altersvorsorge ist gottlob erledigt. Schauen Sie sich mal bei Gelegenheit Ihre jährlichen Bestandsmitteilungen genauer an und blättern Sie mal so lange, bis Sie zum Ausweis der Kosten kommen. Unser Tipp: Legen Sie sich vorsichtshalber eine gute Flasche Wein oder besser einen Whiskey zurecht, um den Schock zu verdauen.

Immobilien: intransparent und wesentlich riskanter als allgemein vermutet

Illustration Stefan Heringer und Dr. Nikolaus Braun

Dr. Nikolaus Braun und Stefan Heringer sind die Gründer der Neunundvierzig Honorarberatung. Ihre Kernkompetenz ist die langfristige Begleitung Ihrer Mandanten rund um die Frage wie Vermögen Lebensqualität schaffen kann. Als Vermögensverwalter der Deutschen Wertpapiertreuhand stehen Sie für finanzwissenschaftlich informierte Anlagestrategien. Braun ist zudem Autor des Finanzratgebers „Über Geld Nachdenken“.

Der letzte Klassiker sicherer Anlagen sind Immobilien. Die völlige Intransparenz bei den Preisen ist gleichbedeutend mit Augen zu und dem Nichterkennen von Risiken. Wie oft haben wir den Satz „Mit Immobilien kann man nichts verkehrt machen – vor allem nicht in München!“ schon gehört. Hätten Sie gewusst, dass Münchner Immobilien zwischen 1991 und 2007 nach Inflation einen Preisrückgang von 40 Prozent erlitten haben? Und das bei deutlich höheren Kreditzinsen als heute … 17 Jahre unter Wasser – mit einer Topimmobilie an einem Topstandort!

Eine Durststrecke, die drei Jahre länger dauerte als die eines 100-Prozent-Aktienbausteins gemessen am All Country World Index. Ganz zu schweigen davon, dass auch im Fall des einzelnen Investments jede Menge schiefgehen kann: Ärger mit Mietern und Behörden, strukturschwache Standorte, Baumängel ….

Rationale Entscheidungen fällen

Das heißt nicht, dass Immobilien oder auch Tagesgelder nicht sinnvolle Bestandteile einer Vermögensstruktur sein können. Selbst kapitalbildende Versicherungen können – in absoluten Ausnahmefällen – vertretbar sein. Aber: wenn Sie das nächste Mal verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Immobilien oder Versicherungen vergleichen, machen Sie es nicht wie die Kinder beim Verstecken. Nur weil man die Risiken nicht permanent sieht, heißt das nicht, dass keine vorhanden sind. Schauen Sie einfach unter der Decke hervor und fällen Sie eine rationale Entscheidung.

Alles Liebe,

Ihr Stefan Heringer und Nikolaus Braun

p.s.: Mehr zum Thema rationale Anlagestrategien, Strategien zum Vermögensaufbau, aber auch darüber, wie Ihr Umgang mit Geld Sie glücklicher machen kann, finden Sie im Blog der Neunundvierzig Honorarberatung und in Nikolaus Brauns Finanzratgeber:„Über Geld Nachdenken“.

Kolumnen, Kommentare und Gastbeiträge auf DUB-magazin.de geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

16.06.2021    Stefan Heringer und Dr. Nikolaus Braun
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