Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main.
07.04.2021    Martin Hintze
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Nachhaltigkeit

Warum die Deutsche Bank den grünen Weg geht

Das größte Geldhaus der Nation unterzieht sich einer Rosskur: von der skandalumwitterten Bank zur nachhaltigen Finanzinstitution.  Jörg Eigendorf, Konzernsprecher und gleichzeitig verantwortlich für Nachhaltigkeit, verrät im Gespräch mit der ehemaligen Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, wie die Bank die „größte Transformation in der modernen Wirtschaft“ gestalten will – und ob der Vorstand bald einen Elektro-Smart fährt.  

In Kürze:

  • Nachhaltige Finanzierungen und Investitionen sind ein strategischer Schwerpunkt für die Deutsche Bank.
  • Das Geldhaus will Investoren und Kunden gleichermaßen vom Wandel überzeugen.
  • 2020 hat die Bank das selbstgesteckte Ziel bei nachhaltigen Finanzierungen übertroffen.
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Subprime-Kredite in den USA, Zinsmanipulationen, Geldwäsche: In ihrer mehr als 150 Jahre langen Geschichte war die Deutsche Bank immer für eine Schlagzeile gut – allzu häufig waren es negative. Die Skandale sind ein Grund für den Absturz der Aktie. Seit Christian Sewing 2018 das Ruder übernommen hat, konnte er Deutschlands größtes Geldhaus in ruhigeres Fahrwasser steuern, und die Aktie hat sich etwas erholt. Eine seiner aktuellen strategischen Prioritäten: Nachhaltigkeit. Wie dieser Strategieschwenk Investoren und Kunden überzeugen soll, sagt Jörg Eigendorf im DUB Digital Business Talk mit Brigitte Zypries, Bundeswirtschaftsministerin a.D.

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

  • Jörg Eigendorf, Konzernsprecher Deutsche Bank und verantwortlich für Nachhaltigkeit

Moderatorin: Brigitte Zypries, ehemalige Bundeswirtschaftsministerin und Herausgeberin des DUB UNTERNEHMER-Magazins

Ein Autohersteller kann auf E-Antriebe umsteigen. Aber was hat die Deutsche Bank mit Nachhaltigkeit zu tun?

Jörg Eigendorf: Es geht weniger um unsere Dienstwagenflotte oder das vegetarische Essen in der Kantine, auch wenn ich das grundsätzlich wichtig finde. Wir erleben eine der größten Transformationen der Wirtschaft. Und die kann nur gelingen, wenn die Finanzwirtschaft sie begleitet und finanziert.

Sehen Sie sich eher als Treiber oder Getriebene in dieser Entwicklung?

Eigendorf: Wir sind sowohl Treiber als auch Getriebene. Der Impetus zu handeln entsteht einerseits dadurch, dass die Regierungen sich auf Klimaziele geeinigt haben und diese nun umsetzen müssen. Wir als Banken werden das über die Regulierung zu spüren bekommen. Andererseits haben wir auch erkannt, welche Chancen für uns dadurch entstehen und welche Verantwortung damit einhergeht. Und der wollen wir gerecht werden.

Sie sprachen auch von Chancen …

Eigendorf: Ja, nachhaltige Finanzierungen und Investitionen sind für uns ein strategischer Schwerpunkt. Unsere Kunden fragen sich, was bedeutet diese Transformation für die Zukunft? Das bringt uns in einen ganz anderen Dialog mit ihnen. Sie erwarten, dass wir ihnen helfen, Rat geben, Investitionen begleiten. Es passiert enorm viel auf allen Ebenen der Bank bis hin zum Vorstandsvorsitzenden.

Ist Nachhaltigkeit also Chefsache bei der Deutschen Bank?

Eigendorf: Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Christian Sewing ist Vorsitzender unseres Nachhaltigkeitskomitees, in dem vor allem weitere Mitglieder des Vorstands und des Konzernleitungskomitees sitzen. Wir achten aber auch sehr darauf, dass es sich durch den gesamten Konzern zieht. Hier ist in der Bank viel in Bewegung gekommen, das wird nicht mehr zu stoppen sein.

Wie wichtig ist der grüne Anstrich der Deutschen Bank für den Kapitalmarkt? Sollen mit der Nachhaltigkeitsstrategie auch Investoren angelockt werden, um die Deutsche-Bank-Aktie zu pushen?

Eigendorf: Investoren achten inzwischen viel stärker darauf, sie registrieren jede Veränderung und sehen dort Wertsteigerungspotenzial, wo Nachhaltigkeit ernst genommen wird. Eines ist aber ganz entscheidend: Es darf kein grüner Anstrich sein. Wir müssen Nachhaltigkeit von innen nach außen leben. Das ist mir auch persönlich in meiner Rolle als Kommunikator sehr wichtig. Es geht um Glaubwürdigkeit. Das ist eine empfindliche Pflanze. Bei Fehltritten wird es sehr schwierig, nicht nur gegenüber dem Kapitalmarkt, sondern auch gegenüber den Kunden. Der ganze Markt wird gerade neu verteilt. Wer nicht zu den Top-Instituten zählt, dem wird das Geschäft wegbrechen. Unsere Ambition ist es, zu den führenden nachhaltigen Häusern zu gehören.

Reicht es nicht aus, wenn der Kapitalmarkt Ihnen ein grünes Image attestiert?

Eigendorf: Nein, es geht vor allem darum, dass Kunden uns als ihren Partner in dieser Transformation sehen. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie basiert auf vier Säulen: Nachhaltige Finanzierungen und Investitionen, unsere eigenen Richtlinien und Verpflichtungen, der eigene Betrieb sowie unser gesellschaftliches Engagement. Wir wollen hier Vordenker sein und Investoren nehmen uns bereits auf all diesen Feldern wahr. Autonomous Research, ein kritisches Analysehaus aus London, hat kürzlich die ESG-Ambitionen großer Banken verglichen und sieht uns mit unserem Ziel von 200 Milliarden an für nachhaltige Finanzierungen und Investitionen bis 2025 weltweit auf Platz 2 – aufgrund unserer Ambition und Transparenz.

Wer bewertet denn, wie grün die Deutsche Bank ist?

Eigendorf: Es gibt viele Indikatoren, und dabei geht es eben nicht nur um die Umwelt, sondern auch um Soziales und Unternehmensführung, also ESG insgesamt. Ein Indikator sind dabei die Bewertungen von Ratingagenturen. Wir haben aus den relevantesten Urteilen einen Index geschaffen, an dem nun auch unser Management gemessen wird. Wir sind fest überzeugt, dass in wenigen Jahren die Nachhaltigkeits-Ratings ebenso wichtig sein werden wie die konventionellen von Moody’s, Fitch und S&P. Das ist nur logisch. Wenn irgendwann Kreditentscheidungen an den CO2-Ausstoß gebunden sind und wir ein Budget für Emissionen haben, dann müssen wir das berücksichtigen, wenn Unternehmen mit CO2-intensiven Technologien auf uns zukommen.

Wenn Sie diese Ratings in Schulnoten umrechnen müssten, welche würden Sie sich derzeit geben?

Eigendorf: Ich überlasse die Bewertung lieber anderen. MSCI hat uns im Dezember in die Gruppe A heraufgestuft. Wir wissen, dass wie wir uns verbessern müssen, haben beispielsweise beim Thema Diversität noch viel zu tun – auch wenn wir inzwischen zwei Frauen im Vorstand haben. Aber wir haben in den vergangenen zwei Jahren insgesamt bei ESG schon große Fortschritte gemacht.

Und zwar?

Eigendorf: Neben unseren Zielen und ihrer strategischen Umsetzung haben wir unsere internen Richtlinien verschärft. 2025 steigen wir aus der Kohlebergbaufinanzierung aus. Auch hier können wir aber nicht einfach den Schalter umlegen, sondern müssen einen Transformationspfad aufzeigen. Und wir haben mit dem Nachhaltigkeitskomitee und dem untergeordneten Rat eine gute Leitungsform gefunden. Unsere 22 Arbeitsstränge gehen im wahrsten Sinne des Wortes durch die gesamte Bank. Damit haben wir einen glaubwürdigen Weg eingeschlagen.

War es für Sie ein Weckruf als die Klimaaktivistin Luisa Neubauer die Deutsche Bank auf der Hauptversammlung 2019 als einen „Mittäter in der Klimakrise“ bezeichnet hat?

Eigendorf: Nein, wir brauchten keinen Weckruf. Das war auch die Hauptversammlung, auf der wir angekündigt haben, uns Nachhaltigkeitsziele zu setzen. Laut öffentlichen Statistiken finanzieren wir weniger klimaschädliche Aktivitäten als alle anderen großen Banken. Der Anteil an „braunen Krediten“ in unserer Bilanz ist weitaus geringer als bei anderen Geldhäusern. Gleichzeitig bauen wir schnell grüne und soziale Finanzierungen auf. In England haben wir beispielsweise jüngst sozialen Wohnungsbau finanziert.

NGOs, also Nichtregierungsorganisationen, üben aber weiterhin Kritik ...

Eigendorf: Die NGOs sehen es oft schwarz oder weiß, was ja zunächst einmal verständlich ist. Wir wollen jedoch unsere Kunden in der Transformation begleiten. Eines muss klar sein: Wir können nicht einfach den Hebel umlegen. Wir können nicht ad hoc festlegen, ab morgen fahren wir nur noch E-Autos. Das wäre realitätsfern. Es geht darum, den CO2-Ausstoß so schnell wie möglich zu verringern. Transformation funktioniert nicht über Verbote, sondern über technologischen Fortschritt. Und den müssen wir finanzieren. Wir können der Welt nicht die Energie abdrehen. Sondern wir müssen Wege finden, eine CO2-neutrale Kreislaufwirtschaft zu schaffen.

Niemand kann verlangen, dass die Deutsche Bank ab morgen alles korrekt macht. Große Unternehmen unterliegen vielen Restriktionen. Es ist ein riesiger Prozess. Vielmehr geht es darum, einen belastbaren Pfad aufzuzeigen. Welche Maßnahmen setzen Sie im Unternehmen selbst um?

Eigendorf: Wir sind seit 2012 klimaneutral. Wir kompensieren den CO2-Ausstoß über Zertifikate. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2025 Strom ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu nutzen. Zudem wollen wir unsere Dienstwagenflotte CO2-neutral machen.

Wird Christian Sewing bald mit einem Elektro-Smart zu Geschäftsterminen fahren?

Eigendorf: (lacht) Daran arbeite ich noch. Im Ernst: Dienstwagen geben nicht den großen Ausschlag. Entscheidend für uns als Bank ist, was wir mit unserem Kreditportfolio finanzieren und wie unsere Kunden ihr Geld anlegen.

Die Vergütung von Führungskräften soll stärker an das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen geknüpft sein. Wie funktioniert das in der Praxis?

Eigendorf: Die Managervergütung ist beispielsweise an die Nachhaltigkeitsratings gekoppelt und daran, ob es uns bis 2025 gelingt, weltweit nur noch erneuerbare Energien zu nutzen, wo es möglich ist. Diese Kopplung wollen auch die Investoren sehen.

Welche nachhaltigen Finanzprodukte können Sie Ihren Kunden anbieten?

Eigendorf: Wir können nahezu alle Produkte spiegeln. Das heißt, wir können aus konventionellen Angeboten nachhaltige machen. Dazu müssen wir aber definieren, welche Kriterien für ESG-Produkte gelten sollen. Das ist keineswegs trivial. Momentan wird die EU-Taxonomie weiterentwickelt, das ist ein sehr intensiver Prozess. Diese Taxonomie konzentriert sich derzeit auf die Umweltaspekte. Gleichzeitig haben wir uns im vergangenen Jahr bereits Richtlinien für nachhaltige Finanzierungen gegeben. Diese gehen in manchen Aspekten auch über die EU-Taxonomie hinaus. Für die soziale Komponente und die gute Unternehmensführung haben wir uns selbst Standards gesetzt.

Bis 2025 will die Deutsche Bank 200 Milliarden Euro an Finanzierungen im Bereich Umwelt, Soziales und Unternehmensführung gewährleisten. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach einem Jahr aus?

Eigendorf: Nach einem Jahr wollten wir bei 20 Milliarden Euro sein. Erreicht haben wir 46 Milliarden Euro. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Es bereitet sehr viel Freude zu sehen, welche positive Energie sich hier in unserer Bank entfaltet.

Wenn ich heute in eine Deutsche-Bank-Filiale gehe, werde ich dann gefragt, ob ich nachhaltig investieren möchte?

Eigendorf: Ich hoffe das sehr. Wir sind dabei, die Kolleginnen und Kollegen zu schulen. In absehbarer Zeit sollte das der Standard sein. Es gibt bereits grüne Filialen, bei denen unseren Kunden schon am Eingang signalisiert wird, worum es jetzt geht. Das erleichtert den Dialog zu den Themen.

Müssen kleinere Unternehmen in Zukunft eine Nachhaltigkeitsbilanz abgeben, um günstigere Kreditzinsen zu bekommen?

Eigendorf: Wenn wir 2022 den CO2-Fußabdruck unseres Kreditportfolios bestimmen müssen, brauchen wir die Daten der Kunden. Wir werden damit bei den großen Unternehmen anfangen. Bei den kleineren Kunden werden wir das zum Teil modellieren können, aber schrittweise auch mehr Daten brauchen. Das wird so sein wie bei der Baufinanzierung, wo ja heute schon jeder Vermieter ein Gutachten über die Energieeffizienz erstellen muss.

Wie schwer ist es, diesen Wandel in einem so großen Konzern umzusetzen?

Eigendorf: Je erfolgreicher wir die Chancen nutzen, desto leichter ist es natürlich, harte Regeln durchzusetzen. Wir müssen zu Kunden nein sagen können, wenn die ESG-Kriterien nicht erfüllt sind. Das kostet mitunter auch Erträge. Besonderen Mut macht uns hier das Geschäft mit den vermögenden Kunden. Dort wird ESG gerade von der Erbengeneration besonders nachgefragt.

Welche Rolle sollte die Politik spielen?

Eigendorf: Die Politik setzt die Rahmenbedingungen, das ist sehr wichtig. Wir müssen Europa stärken, damit wir weltweit gehört werden. Wir brauchen einen gemeinsamen Standard mit den Amerikanern und den Asiaten inklusive China. Die Krux ist: Wie schaffen wir es, Vorreiter zu sein, ohne im internationalen Standortwettbewerb zurückzufallen? Die Deutsche Bank spielt dabei eine wichtige Rolle in diesem Land. Wir wollen Vorreiter sein und die Politik unterstützen. Einerseits aus Verantwortungsgefühl heraus, andererseits, weil wir als Bank erfolgreich sein wollen.

Wird das reichen, um den Klimawandel zu stoppen?

Eigendorf: Frei nach Barack Obama formuliert: „Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel wirklich zu spüren bekommt und die letzte, die wirklich etwas dagegen tun kann.“ Wir werden uns alle stark bewegen müssen, wenn wir uns dem Klimawandel entschieden entgegenstellen wollen. Schon in den 80er-Jahren hatte die Umweltbewegung ähnliche Ziele. Leider sind sie durch Ereignisse wie den Mauerfall und den Zerfall der Sowjetunion in den Hintergrund getreten. Noch eine Chance werden wir nicht bekommen.

07.04.2021    Martin Hintze
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