Zeichnung von Stromzeichen auf blauem Hintergrund
23.03.2022    Jan Köpper
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Eigentlich kam der Krieg bereits 2014 zurück nach Europa, als Russland die Krim annektierte und den separatistischen Konflikt im Donbass weiter militärisch befeuerte. Doch erst jetzt, wo Kiew von Raketen getroffen wird, Schulen brennen und Hunderttausende Menschen gen Westen fliehen, begreifen wir: Töten gilt wieder als Mittel der Politik, in Europa herrscht Krieg. Nun schauen wir endlich genauer auf das, was sich schon seit Jahren vor unseren Augen abspielt, überall auf der Welt und nun ganz in unserer Nähe. In Bezug auf die Ukraine sanktionieren die westlichen Alliierten das russische Regime, liefern Waffen an die Ukraine und bieten geflüchteten Menschen Schutz.

Erst kürzlich warnte der französische Präsident Emanuel Macron, dass der Ukraine das Schlimmste noch bevorstehe und Russland entschlossen sei, das Land vollständig zu besetzen. Derweil scheint sich Putins Rhetorik nun allmählich zu verändern: Es gehe nicht mehr um die Abschaffung eines vermeintlichen Nazi-Regimes und die absurde Behauptung, einen Völkermord zu verhindern, sondern unter anderem um den Schutz Russlands vor einem möglichen Angriff der Nato-Staaten, den Schutz der eigenen Souveränität und Bevölkerung. Ein neues Kapitel des falschen Spiels …

Schwerpunkte von Kolumnist Jan Köpper

Ich fühle mich zerrissen: Ein Land wird überrannt und wir verhängen Wirtschaftssanktionen. Ich weiß, dass es genau diese Maßnahmen sind, die dem Regime langfristig am meisten schaden, aber ich will mehr tun, als bloß Solidarität zu bekunden, mein Haus zu öffnen oder Geld zu schicken. Ich will noch viel stärker mein eigenes Handeln hinterfragen, noch deutlicher für meine Werte einstehen. Und ich bin in dieser Zerrissenheit nicht allein.

Krieg gegen uns alle!?

Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind die Hauptbetroffenen in diesem Krieg. Punkt. Natürlich will Russland mit seinem Krieg auch das westliche Gesellschaftsmodell und die Demokratie an sich auf die Probe stellen. Wir müssen uns möglicherweise einschränken, aber wir sitzen nicht bei Minustemperaturen in U-Bahnschächten und hören, wie Raketen unsere Heimat zerstören. Woher kommt aber dieses Gefühl, dass Putin Krieg „gegen uns alle“ führt?

Keine globale Krise mit Ausnahme der Coronapandemie hat in den letzten Jahrzehnten solch gravierende Auswirkungen auf unseren Alltag gehabt wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Eine Stellvertreter-Debatte: Wir brechen mit der Illusion, dass der Zugang zu Energie für uns selbstverständlich ist. Ja, wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass wir viel zu lange über russisches Gas ein System finanziert haben, das sehenden Auges zur Gefahr für uns Europäerinnen und Europäer zu werden drohte. Ja, unsere Abhängigkeit von russischem Gas ist zudem so groß, dass wir ein Energieembargo als Reaktion auf den Krieg langfristig nur sehr schwer kompensieren könnten. Während Gas vor zwei Monaten noch von der EU als notwendige Übergangstechnologie geadelt wurde, kann die Rolle rückwärts jetzt kaum schnell genug gehen – und das ist auch richtig! Die Frage ist nur: In welche Richtung müssen wir gehen?
Bleiben wir für diesen Artikel also bei der Stellvertreter-Debatte der Energiesicherheit, um der dahinterliegenden Lethargie eine Geschichte zu geben.

Illustration von Jan Köpper

Jan Köpper leitet die Stabsstelle Wirkungstransparenz & Nachhaltigkeit in der GLS Bank eG gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Laura Mervelskemper. In dieser Funktion verantwortet er die Konzeption und Umsetzung der gesellschaftlichen Wirkungsmessung, der Übersetzung von Nachhaltigkeitsrisiken sowie die Integration von Nachhaltigkeit und Wirkung in die
Kunden- und Steuerungsprozesse der Bank.

Wir wissen was zu tun ist: Von der Erkenntnis endlich zur Umsetzung

Der ThinkTank Bruegel stellte kürzlich eine Reihe politischer Instrumente zusammen, die unsere Abhängigkeit von russischem Gas kurz- und mittelfristig kompensieren könnten. Dabei stellen die Autorinnen und Autoren auch klar: Wir können das Angebot von Gas(-alternativen) nicht so stark ausweiten, dass es reicht. Wir müssen damit beginnen, auch auf der Nachfrageseite etwas zu verändern. So schwerwiegend diese Aussage gesamtwirtschaftlich sein mag, es führt kein Weg daran vorbei, unseren Lebensstil endlich zu ändern und uns seiner Folgen nicht nur bewusster zu werden, sondern diese Folgen bewusst nicht mehr zu tragen. Wir alle sind verantwortlich.

Als Gesellschaft müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, welche Alternative wir zu Gas nutzen möchten. In dieser Diskussion bekommen zurzeit Laufzeitverlängerungen von Kohle- und Atomkraftwerken ein Revival, hier nur zwei kurze Gedanken dazu: Erstens importieren wir schon jetzt 50 Prozent unseres Steinkohlebedarfs aus Russland – wir hätten also nichts gewonnen. Zweitens kommt Uran in der EU kaum in nennenswerten Mengen vor. Unseren Uranbedarf decken wir jetzt schon zu über 60 Prozent mit Importen aus Kasachstan, Usbekistan, Niger und Russland (!). Wir haben keine eigenen fossilen Ressourcen und würden uns so oder so von der Abhängigkeit von einem undemokratischen Regime direkt in die nächste Abhängigkeit stürzen. Mein Verständnis einer tatsächlich autarken Energieversorgung ist ein anderes.

Wenn schon, denn schon

Der Krieg gegen die Ukraine zeigt uns deshalb auch, dass der Ausbau regenerativer Energiequellen nicht nur ein klimapolitischer und vernünftiger, sondern auch ein sicherheitspolitischer Imperativ ist. Wenn wir jetzt schnell zum Beispiel in Photovoltaik-Anlagen, Windparks und Wärmepumpen investieren, können wir nicht nur unseren Klimazielen gerecht werden, sondern wir würden die Abhängigkeiten von Unrechtsstaaten deutlich reduzieren und auch die Resilienz unserer Energiewirtschaft stärken. Beim notwendigen Ausbau erneuerbarer Energien sollten wir jedoch direkt Chancen nutzen, das Energiesystem grundsätzlich neu zu denken. Hier einige wesentliche Aspekte:

  1. Erneuerbare Energien sollten dezentral ausgebaut werden. So können sich alle Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende beteiligen und Strom kann dort erzeugt werden, wo er jeweils gebraucht wird. Viele über ganz Deutschland verteilte Energiequellen würden die Energiesicherheit bereits dadurch stärken, dass sie weniger schadensanfällig sind als einzelne, größere Kraftwerke.
  2. Möglichst viele verschiedene Akteure sollten an der Energiewende partizipieren können. Wir stärken die Akzeptanz und beschleunigen den Ausbau, wenn nicht nur Großunternehmen riesige Windparks bauen und von den Gewinnen profitieren. Wir reduzieren auch die Anfälligkeit einzelner Unternehmen vor internationaler Einflussnahme. Alle Bürgerinnen und Bürger und alle KMU sollten zu eigenen, kleinen Energieunternehmerinnen und -unternehmern werden.
  3. Wir können über eine bürgernahe Energiewende auch unser Miteinander stärken. Gestalten wir Energieprojekte demokratisch, lassen wir Kommunen besser an den Gewinnen teilhaben, damit alle Einwohnerinnen und Einwohner direkt von der Energiewende profitieren. Durch ein starkes Miteinander stärken wir die Resilienz unseres Gemeinwesens.
  4. Wir müssen Innovation und Effizienz bei erneuerbaren Energien stärker fördern. Nur durch leistungsfähige und lokale Energiespeicheranlagen können wir auch Dunkelflauten gut überbrücken und unsere Abhängigkeit von Energieimporten nachhaltig zurückbauen.

 

Ja, wir wissen was zu tun ist, auch wenn es kurzfristig ökonomisch nicht immer der beste Weg zu sein scheint. Doch die Diskussionen zu einer unabhängigen Energiepolitik in einer unsicheren Zukunft sind nur ein Beispiel für die zahlreichen Themen, bei denen uns gesunder und von Werten geprägter Menschenverstand ohne ökonomische Geißelung zu echten Lösungen führen könnte. Lassen Sie uns alte Muster durchbrechen und unser Wissen endlich in Taten übersetzen.

Der nächste Super-GAU kommt bestimmt – aber wir können auch einfach endlich aufwachen und handeln.

Kolumnen, Kommentare und Gastbeiträge auf DUP-magazin.de geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
23.03.2022    Jan Köpper
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