Porträt von Victoria Dietrich, Gründerin des Startups Victoria Dietrich.
09.05.2022    Mark Simon Wolf
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Zur Person

Victoria Dietrich

hat 2019 gemeinsam mit Evgeniya Polo Emmora gegründet. Das Hamburger Start-up unterstützt Menschen in der schwierigen Phase eines Trauerfalls sowie bei der Planung und Finanzierung des Abschieds zu Lebzeiten

Wie sehr hat die Coronapandemie den Umgang der Menschen mit dem Tod verändert?

Victoria Dietrich: Die Coronapandemie hat viele Menschen für das Thema Tod sensibilisiert und dazu angeregt, sich mit dem Lebensende auseinanderzusetzen. Für unser Ziel, die Themen Trauer und Tod gesellschaftlich zu enttabuisieren, war dies eher hilfreich – wenn auch die Umstände der Pandemie natürlich furchtbar tragisch waren.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die internen Abläufe bei Emmora?

Dietrich: Natürlich hat uns Corona, wie viele andere auch, vor unternehmerische Herausforderungen gestellt. Da wir aber noch ein recht junges Unternehmen sind, ist unser Arbeitsalltag generell geprägt von Veränderung. Trotzdem stehen die vergangenen Monate im Zeichen des Wachstums: Sowohl intern im Team als auch extern in der Anzahl unserer Kundinnen und Kunden geht es für uns aufwärts.

Welche Gründe – außer Corona – hat dieser Wachstumstrend?

Dietrich: Wir finden die Themen Tod, Trauer und Abschied sehr wichtig und brennen dafür. Dieser intrinsische Antrieb ist eine entscheidende Voraussetzung für unser Wachstum. Darüber hinaus funktionieren wir als Gründerinnen-Duo sehr gut. Obwohl wir charakterlich teilweise unterschiedlich sind, teilen wir die gleichen Werten und sind in unserem Ehrgeiz sowie der Passion, etwas Eigenes zu schaffen, fest vereint. Wir ergänzen uns in unseren Expertisen und der Lebenserfahrung und haben eine ehrliche Kommunikationskultur.

Offenheit zwischen Ihnen beiden ist das eine, doch wie äußert sich diese offene Kommunikationskultur im Umgang mit Ihren Mitarbeitenden?

Dietrich: Bei uns gilt das Credo: Alles darf gesagt werden. Es gibt keine Grenzen in unserem Denken, jede Idee wird gehört und gemeinsam besprochen – egal, von wem sie kommt. Das gilt für uns als Gründerinnen wie auch für das gesamte Team. Wir hören jedem zu. Außerdem gestehen wir unseren Mitarbeitenden Fehler zu. Wer keine Fehler macht, kann nicht besser werden.

Ihr Geschäftsmodell bewegt sich mit Tod, Trauer und Abschied in einem für viele Menschen besonders sensiblen Bereich. Wie gelingt Ihnen der kommunikative Balanceakt zwischen Business und pietätvollem Umgang mit dem Tod?

Dietrich: Wir benötigen dafür eine besondere Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden. Immerhin kommen viele von ihnen zu uns, während sie eine sehr besondere und einzigartige Situation wie den Todesfall eines oder einer Angehörigen durchleben. In solchen Momenten stehen sie oft vor vielen Organisationsschritten, die zusätzlich zur eigenen Trauer sehr überfordernd sein können. Wir versuchen, ihnen die Last von den Schultern zu nehmen und komplexe Entscheidungen für sie zu vereinfachen. Dafür ist der richtige Mix aus Professionalität und Einfühlsamkeit nötig. Erst dann fühlen sich die Menschen bei uns gut aufgehoben und verstanden. Und nur dann werden sie uns auch weiterempfehlen oder den Abschluss der eigenen Bestattungsvorsorge über uns erwägen.

 

Tod und Trauer sind nicht die besten Themen für eine Kaltakquise. Wie gehen Sie konkret vor, um neue Kundinnen und Kunden zu überzeugen?

Dietrich: Unsere Stärke ist die Herangehensweise. Wir laden Menschen dazu ein, sich unverbindlich und in einem sicheren Raum über das Lebensende oder ihre Bestattungen zu informieren. Dabei spielt Inspiration für die verschiedenen Varianten und individuellen Bedürfnisse eine große Rolle. Sei es nun die Trauerrede auf Plattdeutsch oder die Beisetzung mit Blick auf das Alpenpanorama – alles was rechtlich erlaubt ist, ermöglicht Emmora. Uns ist wichtig, dass unsere Kundinnen und Kunden einen würdevollen Abschied erhalten, wie auch immer dieser aussehen mag. Außerdem ist uns Transparenz ein großes Anliegen. Wir erleben oft, dass Menschen Angst vor hohen Kosten haben. Dadurch entsteht oftmals Unsicherheit und generelles Misstrauen gegenüber der Bestattungsbranche. Dieser Skepsis begegnen wir unter anderem mit einheitlichen Preisen in Deutschland.

Stichwort Recruiting: Wie machen Sie Ihr Geschäftsmodell mit dem Tod attraktiv für Bewerberinnen und Bewerber?

Dietrich: Anders als es wohl viele erwarten würden, melden sich immer viele Bewerberinnen und Bewerber auf unsere ausgeschriebenen Stellen. Wir bekommen häufig die Rückmeldung, dass sie unseren Purpose für sinnvoll halten und auch unserer Vision folgen. Viele Menschen ziehen anscheinend solche Dinge dem typischen Obstkorb oder der attraktiven Incentive-Reise vor. Das macht uns stolz und zeigt uns gleichermaßen, dass wir mit Emmora einen Nerv der Gesellschaft treffen.

09.05.2022    Mark Simon Wolf
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