Ein gemalter Fußball vor einem grünen Hintergrund
17.03.2021    Madeline Sieland
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Strategischer Weitblick, um Ideen langfristig zu entwickeln. Delegationsfähigkeit, um nicht im Mikromanagement unterzugehen. Und ein hohes Maß an Empathie, um intern und extern alle Anspruchsgruppen mitzunehmen. Das sind drei Eigenschaften, die in den Augen von Michael Meeske eine erfolgreiche Führungskraft auszeichnen.

Weitblick beweist der Geschäftsführer des VfL Wolfsburg gerade vor allem bei einem Thema: Nachhaltigkeit. Der Fußballbundesligist gehört dem Bündnis „Sports for Climate Action“ der Vereinten Nationen (UN) an und unterstützt zudem als erster Profi-Fußballclub der Welt die „Race to Zero“-Kampagne der UN mit dem Ziel, die CO2-Emissionen bis 2025 auf null zu reduzieren.

Zur Person

Porträt von Michael Meeske

Michael Meeske

ist seit 2018 Geschäftsführer der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. Zuvor war der Diplom-Sozialökonom kaufmännischer Vorstand beim 1. FC Nürnberg und ab 2016 im Vorstand des DFB. Von 2005 bis 2015 war Meeske Teil der Geschäftsleitung des FC St. Pauli

Wie nachhaltig ist eigentlich der Profi-Fußball?

Michael Meeske: In puncto ökologischer Nachhaltigkeit ist der Profi-Fußball sicher nicht optimal aufgestellt, was er aber auch quasi systemimmanent nicht sein kann. Man denke nur an Pflichten wie, eine Rasenheizung im Winter einsetzen zu müssen, um spielfähig zu sein. Oder an den Zwang, durch den engen Spielkalender immer wieder auf Charterflüge zurückgreifen zu müssen.

Sie haben sich mit dem VfL Wolfsburg freiwillig den Initiativen der UN angeschlossen. Aber reicht das? Braucht es nicht auch offizielle Vorgaben, etwa vonseiten der DFL?

Meeske: Ich denke, es macht Sinn, das Thema Nachhaltigkeit in geeigneter Form verbindlich zu verankern. Ob es nun Teil der Lizenzierungsvorgaben wird oder ob es eine Selbstverpflichtungserklärung ist, die alle Clubs unterzeichnen müssen – das sei dahingestellt. Dazu gehört aber auch eine angemessene Sanktionsregelung für etwaige Nichteinhaltung. Aktuell stehen wir mit ein paar anderen Teams, darunter dem FSV Mainz 05, an der Spitze dieser Nachhaltigkeits-Bewegung. Aber die anderen Vereine werden folgen. Denn wer auch künftig Sponsoren gewinnen will, tut schon jetzt gut daran, Vielfalt und ökologische Nachhaltigkeit glaubhaft zu leben. In ein paar Jahren werden das nämlich nicht mehr nur die großen Konzerne einfordern, sondern nahezu alle Wirtschaftsakteure werden darauf Wert legen.

Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie Ihr selbst gestecktes Ziel erreichen?

Meeske: Wir sagen, wir wollen der E-Verein werden. Was naheliegt, da VW das Thema auch vorantreibt. In unserer Bundesligamannschaft haben wir momentan eine E-Auto-Quote von 25 Prozent. Ab der nächsten Bestellung können Spieler und Trainer dann nur noch zwischen Hybrid und E-Auto wählen. Aber wir wollen nicht einfach nur auf E-Fahrzeuge umsteigen und die Ladeinfrastruktur auf unserem Gelände integrieren. Wir wollen ein ganzheitliches Konzept ausrollen. Zum Beispiel haben wir vier Geschäftsstellen in Wolfsburg, die nur wenige Kilometer auseinanderliegen und zwischen denen unsere Beschäftigten bislang häufig mit dem Auto pendeln. Als Alternative wollen wir E-Scooter und E-Bikes für den internen Gebrauch zur Verfügung stellen. Außerdem haben wir die Fan-Mobilität im Fokus.

Die durch Fans entstehenden Emissionen können Sie allerdings nicht direkt reduzieren.

Meeske: Aber kompensieren. Eine Option wäre ein Klima-Ticket für Fans, die nicht komplett CO2-neutral anreisen können. Sie könnten einen kleinen Obolus zahlen, um die bei An- und Abreise entstehenden Emissionen zu kompensieren. Man kann zudem diejenigen incentivieren, die klimafreundlich anreisen – etwa mit bevorzugten Parkplätzen für E-Autos.

Wer sich so offensiv wie Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit positioniert, wird sicher auch immer wieder mit dem Vorwurf des Greenwashings konfrontiert. Wie reagieren Sie darauf?

Meeske: Eingebettet ist das gesamte Thema bei uns in eine für Fußballverhältnisse relativ komplexe CSR-Strategie. Wir hatten ökologische Nachhaltigkeit bisher allerdings nicht priorisiert, sondern haben uns zunächst auf soziale Aspekte, auf Bildung und Integration konzentriert. Da ist die Nähe zum Fußball offensichtlicher, und ich finde es als Verein grundsätzlich auch erst einmal authentischer, sich prioritär mit sozialen Themen zu beschäftigen. Natürlich schlägt einem mit Blick auf Volkswagen und den Diesel-Skandal auch eine gewisse Skepsis entgegen, aber wir müssen einfach umso mehr besonderen Wert auf Verlässlichkeit, Transparenz und sichtbare Ergebnisse legen.

Wo stoßen Sie da vielleicht auch an Grenzen?

Meeske: Wir werden beispielsweise unsere Verkehrsmittel immer zweckmäßig wählen müssen. Das ist eben der systemimmanente Zwang im Fußball. Da kann man sich manchmal nicht für die ökologisch sinnvollste Lösung entscheiden. Der Talent-Scout etwa, der an einem Tag 700 Kilometer in eine und am nächsten Tag 500 Kilometer in die andere Richtung fahren muss – kann ich dem in Anbetracht der aktuellen Ladeinfrastruktur zusätzlich zumuten, ein paar Stunden mit seinem E-Auto an den Ladesäulen dieser Nation zu stehen? Für ihn wird dann wahrscheinlich zunächst ein Hybrid die passende Lösung sein. Das heißt also: Man muss Kompromisse eingehen, sich damit abfinden, dass nicht alles perfekt sein kann. Da, wo es trotz Mehraufwand machbar ist, wählt man die nachhaltige Lösung; wo das nicht sinnvoll darstellbar ist, nimmt man den besten Kompromiss. Aber letztendlich bin ich davon überzeugt: Auch viele kleine Schritte sind wichtige Schritte. Man darf sich diese Abwägung nur eben nicht zur gemütlichen Komfortzone machen, sondern muss sich auch diesbezüglich immer fordern.

Der VfL Wolfsburg ist eine 100-prozentige Tochter von Volkswagen. Hilft Ihnen das in einer Krise wie der jetzigen?

Meeske: Diese Gesellschafter-Struktur sorgt wirtschaftlich natürlich für eine gewisse Stabilität. So haben wir trotz Krise die Möglichkeit, Themen wie Nachhaltigkeit oder die Förderung von Vielfalt zu priorisieren. Das können Vereine, die schauen müssen, wie sie sich aktuell überhaupt über Wasser halten, sicher nicht so einfach. Aber darüber hinaus glaube ich auch, dass unsere unternehmerische Organisationsstruktur mit klaren Abläufen und einem klaren Profil dabei hilft, rationale Entscheidungen zu treffen und effizient zu agieren.

Sie setzen seit Kurzem auf die Management-Methode „Objectives and Key Results“, die von Google etabliert wurde. Diese OKR-Methode soll jedem Mitarbeitenden vor Augen führen, welchen Beitrag sie oder er zum Erreichen der Unternehmensziele leistet. Warum haben Sie gerade diese Methode gewählt?

Meeske: OKR bietet uns die Möglichkeit, ein großes übergeordnetes Ziel zu definieren und zu etablieren. Aus diesem lassen sich dann verschiedene Aufgaben ableiten, die über Kennzahlen, die KPIs, quantifizierbar sind. Eben diese Mischung aus einem qualitativen Ziel und quantitativen KPIs fanden wir spannend. In der Praxis sieht das dann so aus: Als Geschäftsführung definieren wir Oberziele. Die Bereichsleiter legen dann nachgelagerte Ziele fest, die auf die übergeordneten Vorgaben einzahlen. Und dann bekommt jeder Mitarbeitende klare Ziele an die Hand, die es dann schrittweise zu erreichen gilt.

Sie deuteten es bereits an: Der erste Schritt bei der Einführung von OKR ist das Festlegen eines übergeordneten gemeinsamen Ziels. Welche Vision verfolgen Sie beim VfL?

Meeske: We drive football. Wir wollen den Fußball voranbringen. Denn wir sind davon überzeugt, dass er große gesellschaftliche Kraft hat. Wir finden es gut und wichtig, dass Menschen sich mit dem Fußball auseinandersetzen. Denn dieser Sport kann wie kaum ein anderer Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen zusammenbringen, begeistern und inspirieren. Und das ist unsere Mission.

Was ist nötig, um dieses übergeordnete Ziel zu erreichen?

Meeske: Zunächst einmal muss die Performance stimmen. Denn da, wo Erfolge gefeiert werden, schauen Menschen hin. Es braucht zudem ein hohes Maß an Emotionalität. Emotionen zu transportieren ist der Kern des Fußballs. Und Emotionen und Erfolg gehen in der Regel Hand in Hand. Ich glaube allerdings, es ist auch unabhängig vom Erfolg möglich, positive Emotionen zu vermitteln. Da hängt viel davon ab, wie man mit Fans, Mitarbeitern und anderen Stakeholdern umgeht. Und zu guter Letzt braucht man eine hohe Verfügbarkeit über eine größtmögliche Angebotsbreite. Sprich: Man braucht eben neben der Männerbundesliga auch E-Sport, Frauenfußball, eine Jugendakademie oder einen Breitensportansatz mit Fußball-Camps und Fußballschulprojekten. Und bei alledem ist zudem das Pricing entscheidend. Bei Tickets, Merchandising, Catering und ähnlichen Angeboten versuchen wir, im Ligavergleich immer unterdurchschnittliche Preise anzubieten. Denn der Preis soll keine elementare Hürde für Fans sein. Um Performance, Emotion und Angebotspräsenz sicherzustellen, haben wir in verschiedenen Handlungsfeldern Maßnahmen definiert.

Wie haben Ihre Mitarbeitenden darauf reagiert, dass für jeden Einzelnen klare Ziele definiert wurden?

Meeske: Die Widerstände, die wir anfangs hier und da durchaus gespürt haben, sind inzwischen sehr gering geworden. Einige haben natürlich hinterfragt, ob man das wirklich in solch einer Detailtiefe braucht. Ob es denn nicht reicht, wenn die Bereichsleiter sich Ziele geben. Aber wenn man eine Strategie definiert hat, braucht man eben auch etwas, um beurteilen zu können, wo man bei der Umsetzung steht. Wir haben deshalb versucht, die Relevanz des Themas bestmöglich klarzumachen. Das Spannende an solchen Instrumenten ist ja, dass jeder ein besseres Gefühl dafür bekommt, welchen Beitrag er zum großen Ganzen leistet. Und: So ein Zielsystem hilft auch jedem Mitarbeiter im Arbeitsalltag ganz konkret dabei, Entscheidungen zu treffen. So kann ich schnell abgleichen, ob etwas mir dabei helfen würde, meine Ziele besser zu erreichen, oder eben nicht. Zudem gibt dir das System ein gutes Korsett, um deine Ziele und Aufgaben nicht nur im Kopf zu haben, sondern strukturiert und systematisch in die Gesamtorganisation zu integrieren.

17.03.2021    Madeline Sieland
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