Coffee Watch: Eine braune Uhr liegt auf Kaffeebohnen
10.11.2021    Jan Lehmhaus
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„Coffee Watch“ heißt ein neues Produkt, das der Uhrenhersteller Lilienthal gerade erfolgreich auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter einführt. Der Name rührt nicht etwa daher, dass man den Zeitmesser stilgerecht zum ­Morgen- oder Nachmittagskaffee tragen soll, wie – sagen wir – eine Cocktail-Watch.

Vielmehr hat die „Coffee Watch“ ein Gehäuse aus Kaffee beziehungsweise aus „Kaffeeform“, einem bruchfesten Verbund aus Bohnentrester und weiteren nachwachsenden Rohstoffen. Lilienthal-Mitgründer Jacques Colman richtet sich mit diesem innovativen Konzept an eine Kundschaft aus „weltoffenen Großstadtmenschen“ und betont, dass die Kaffee-Uhr kein Gag sei. „Jedes Jahr werden in Deutschland 20 Millionen Tonnen Kaffeesatz weggeschmissen. Es geht uns darum zu zeigen, dass Nachhaltigkeit wirklich sexy sein kann. Und natürlich taugt sie auch als Statement.“ 

„Coffee Watch“ nicht die einzige nachhaltige Variante

Schon lange gilt nicht mehr, dass Uhren entweder in ein Gehäuse aus Edelmetall oder eines aus Stahl eingeschalt werden, das über seine Noblesse oder Belastbarkeit hinaus nicht weiter von Interesse ist. Äußere Materialität spielt heute eine Rolle auch als stilistisches Unterscheidungsmerkmal und Ausweis von Exzellenz, seit die Zeitmesstechnik – zumal die mechanische – weitgehend ausgereift ist. Und wenn die Armbanduhr vielen mehr als Ort der Selbstvergewisserung dient denn als Zeitanzeige, taugt sie auch zum Statement per Materialwahl.

Die Welle der Produkte, in die zu diesem Zweck historisch bedeutende Partikel eingearbeitet waren wie Reliquien – Stahl aus den Golfschlägern großer Champions, Gummi aus den Reifen siegreicher Rennwagen – ist schnell wieder abgeebbt. Wiederverwendung demonstriert heute das Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Ob es recycelter Stahl in Modellen von Chopard ist, Plastik-Meeresmüll oder vegane Bänder aus Apfelresten bei Cartier: Das Thema sorgt für immer neue Gehäuse- und Bandstoffe, große Aufmerksamkeit – und technologischen Fortschritt. Swatch zum Beispiel hat seine ersten Modelle auf Rizinus-Basis inzwischen weit übertroffen: In der „Bioceramic“ mischen sich zwei Drittel Keramik und ein Drittel Biokunststoff zu einem Material, das so stabil ist wie geschmeidig.  

Neues Material, neue Kunden

„Ein neues Material ist kein primäres Verkaufsargument“, sagt Patrick Wallinger, Mitinhaber von Juweliere Mahlberg & Meyer. Er sieht die Chancen von Werkstoff-Innovationen bei der jüngeren Kundschaft, deren Ansprache zu einer Herausforderung geworden sei. „Das Faible für Mechanik, für schöne Dinge – das gibt es auch bei den jungen Leuten. Aber eben auch andere Prioritäten.“ Grundsätzlich seien gerade junge Kunden aufgeschlossen gegenüber neuen Materialien. „Aber die müssen sich in ein überzeugendes Konzept einfügen: die Idee der Nachhaltigkeit oder Komfort.“

Komfort bietet, wegen seines geringen Gewichts, zum Beispiel Titan. Im Uhrenbau ist es nicht gänzlich neu, aber erst heute lassen sich seine spröden Legierungen in den modernen CNC-Maschinen in jede gewünschte Form bringen und als Alternative zu erfolgreichen Stahlgehäusen anbieten. Deshalb findet sich der Werkstoff in immer mehr Modellen. Sein Gewichtsvorteil spielt besonders bei voluminösen Uhren eine Rolle – und lässt sich durch Hightech-Einsatz weiter steigern.

Panerai beispielsweise beherrscht die Kunst, das Titangehäuse wuchtiger Taucheruhren mit Hohlräumen zu versehen, indem es nicht gegossen, sondern gedruckt wird. Dabei hat sich dieses Verfahren – genausowenig wie Panerais Werkstoff „Carbotech“ oder gar das von Roger Dubuis eingesetzte ­Graphen – längst noch nicht in der Massenfertigung etabliert. Da tut sich Breitling mit seinem geheimnisvollen Polymer-Verbundstoff „Breitlight“ leichter. Härter als Stahl und leichter als Titan, sind die damit ausgerüsteten Uhren die preiswertesten im Sortiment des Sport-Chrono-Spezialisten.

Leichtigkeit bei gleichzeitiger Stabilität bietet auch Keramik, war dabei ebenfalls lange ein reines Nischenprodukt. Die Farbauswahl war extrem beschränkt. Zunächst einmal gab es sie ausschließlich in tiefem Schwarz. Und die daraus gefertigten Gehäuse wirkten stets wie rundgelutscht. In den vergangenen Jahren aber hat sich das ganz entscheidend gewandelt: Scharfe Kanten zu erzeugen ist kein Problem mehr, und die Farbauswahl ist enorm.

Adrian Bosshard, CEO des Hightech-Keramik-Pioniers Rado, sagt: „Wir wissen aus Erfahrung, dass es ein langer Weg ist, einen völlig neuen Werkstoff zu entwickeln.“ Dabei nutzt Swatch die Kompetenz von Konzern-Schwestern: „Wir haben kein internes Forschungslabor bei Rado, aber wir können auf verschiedene Einrichtungen der Swatch Group zugreifen – allen voran die Firma Comadur, die für alle Projekte in Verbindung mit dem Werkstoff Keramik zuständig ist. Es werden neue Farben und Sorten entwickelt und hergestellt. Für sehr spezifische Projekte arbeitet Rado auch mit Universitäten und externen Wissenschaftlern zusammen.“

Die Finish-Frage

Bosshard ist sich sicher, dass Materialität an Bedeutung gewonnen hat und neue Aspekte hervorbringt: „Heute stehen eher Kombinationen verschiedener Materialien beim Design einer Uhr im Vordergrund, zum Beispiel Bronze und Keramik. Der Fokus liegt eher auf dem optimalen Finish, das immer weiter perfektioniert wird.“

Ein Spezialist für die Kombination verschiedener Stoffe ist seit Langem Hublot. Im Gehäusebau allerdings hat man sich in den vergangenen Jahren mit besonderer Reinheit hervorgetan: Die Marke gehörte zu den Ersten, die Gehäuse aus einem soliden Block gezüchteten Saphirs fräsen konnten. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, bleibt das Verfahren extrem aufwendig und teuer. Der Nutzen liegt, neben der enormen Härte des Materials, in der ungetrübten Rundumsicht in das Uhreninnere – so der Saphir nicht kräftig eingefärbt ist. Denn auch das macht die Technik inzwischen möglich.

Aus den Labors kommen zudem immer wieder innovative und hauseigene Goldlegierungen mit besonderen physikalischen Eigenschaften. Das „Honiggold“ von A. Lange & Söhne ist besonders hart; Hublots „Magic Gold“, eine Verbindung des Edelmetalls mit Keramik, hoch kratzfest. Und Omega präsentiert seine neue „Speedmaster Chronoscope“ auch in „Bronze Gold“, einer korrosionsfesten Verbindung mit Palladium und Silber, die im Laufe der Jahre milde patinieren soll. Das klingt zugleich nach Hightech und nach Alchemie – aus gutem Grund.

„Generell ist auch das Storytelling wichtig“, sagt Juwelier Patrick Wallinger, „vorausgesetzt, der Werkstoff bietet einen technischen Nutzen oder ein ästhetisches Erlebnis.“ Er glaubt, dass ungewöhnliche Materialien in den kommenden Jahren eine bedeutende Rolle spielen werden und das ein oder andere sich auch etabliere. „Wichtig ist aber vor allem, dass die Hersteller Innovationskraft beweisen.“

Jacques Colman von Lilienthal ist sich sicher: „Die Branche kann noch deutlich mehr Engagement bei neuen Materialien vertragen.“ Die „Coffee Watch“ wird Anfang 2022 ausgeliefert, zunächst an die Erstkäufer bei Kickstarter und dann anschließend über den Online-Shop wie über den lokalen Handel. Gerade da sei man sehr zuversichtlich, sagt Colman, weil die Uhr ja sinnlichen Mehrwert biete: „Das Gehäuse hat eine angenehme, leicht raue Haptik. Und es duftet, ganz leicht, nach Kaffee.“

10.11.2021    Jan Lehmhaus
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