Ein Aktienkurs stürzt ab.
21.06.2021    Martin Hintze
  • Drucken

Finanzmärkte

Die Inflation steigt und steigt – kommt jetzt der Crash?

Fünf Prozent in den USA, 2,5 Prozent in Deutschland: Die Verbraucherpreise sind kräftig gestiegen. Doch der befürchtete Absturz der Aktienkurse bleibt bislang aus, weil die Notenbanken die Geldschleusen offenhalten. Ist das die Ruhe vor dem Sturm?

In Kürze:

  • In den USA und Europa ist die Inflationsrate stärker als erwartet gestiegen. Die Notenbanken wollen den Kurs der lockeren Geldpolitik aber zunächst beibehalten.
  • Die Aktienmärkte sind weiterhin im Aufwind. Anleger sollten auch mittelfristig mit leicht erhöhter Inflation rechnen.
  • Aktien bleiben laut Experten erste Wahl, lukrative Anlagechancen sind allerdings schwieriger zu finden.

Das Amt des wichtigsten Notenbankchefs der Welt blieb ihm bislang verwehrt. Jetzt teilt Larry Summers verbal gegen die US-Zentralbank Fed und ihre Geldpolitik aus. In der Vergangenheit habe die Fed „die Punsch-Schale abgeräumt, bevor die Party zu heiß wird“, also den Geldhahn zugedreht, bevor die Wirtschaft überhitzt. Jetzt bestehe die Taktik darin, „abzuwarten, bis die Leute betrunken herumtorkeln“, ätzt Summers, der unter Bill Clinton Finanzminister war und bis heute zu den einflussreichsten Ökonomen der USA zählt.

Anlass für den sehr bildlichen Vergleich war der Anstieg der Verbraucherpreise in den USA im Mai um fünf Prozent. Die Energiepreise legten im Vorjahresvergleich um 28,5 Prozent zu. Benzin verteuerte sich sogar um 56 Prozent. Doch Fed-Chef Jerome Powell will an der extrem lockeren Geldpolitik nicht rütteln. Die Leitzinsen bleiben bei null, die Anleihekäufe werden fortgesetzt. Frühestens 2023 könnte es mit vorsichtigen Zinserhöhungen losgehen.

Notenbanken reagieren mit einem Schulterzucken

Auch in Europa und Deutschland ist der jüngste Anstieg der Verbraucherpreise ein Thema. In der Eurozone kletterte die Inflationsrate im Mai auf zwei Prozent, in Deutschland auf 2,5 Prozent. Hierzulande war es bereits der fünfte Anstieg in Folge auf den höchsten Wert seit knapp zehn Jahren. Wie in den USA waren die Energiekosten der Preistreiber. Benzin kostete im Vergleich zum Mai 2020 27,5 Prozent mehr. Und wie in den USA reagierten die Währungshüter quasi mit einem Schulterzucken. Auch die Europäische Zentralbank lässt die Geldschleusen offen.

Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass der befürchtete Crash bislang ausgeblieben ist. „Die Börsenampel steht weiterhin auf grün, auch wenn die Dynamik etwas nachgelassen hat“, sagt Dr. Manfred Schlumberger, Vorstand der Starcapital AG, im DUP Digital Business Talk. Anleger sollten seiner Meinung nach auf „kontrollierte Offensive“ setzen, zumal die Aktienmärkte sich momentan auf hohem Niveau seitwärts bewegen.

Am DUP Digital Business Talk nahmen teil:

 Moderator: Arne Gottschalck, Finanzredakteur, DUP UNTERNEHMER-Magazin

Die Droge Liquidität

Schlumberger rechnet zwar mit erhöhten Schwankungen an den Börsen über die Sommermonate. Solange die Coronapandemie sich aber nicht wieder extrem verschärft, sei ein Crash jedoch nicht zu befürchten. „Der Mörder des Aktienmarkts ist immer die Zentralbank“, erklärt Schlumberger. Aber den Währungshütern seien die Hände gebunden. „Die Märkte haben sich an die Droge Liquidität gewöhnt und würden sofort Entzugserscheinungen zeigen“, sagt der Experte. Zudem sei die Verschuldung von Staaten und Unternehmen so hoch, dass größere Zinserhöhungen nicht möglich wären.

Unter dem Strich müssen Anleger im aktuellen Konjunkturaufschwung mit leicht steigenden Verbraucherpreisen rechnen. So große Sprünge wie im Mai seien allerdings nicht mehr zu erwarten, so Schlumberger. Denn sie beruhen vor allem auf sogenannten Basiseffekten: Durch die Coronapandemie waren beispielsweise die Ölpreise im vergangenen Jahr teils  negativ. Eine Normalisierung der Preise führt rein statistisch zu hohen Steigerungsraten. Diese Basiseffekte laufen in den kommenden Monaten aus.

Europa und Schwellenländer nicht überbewertet

Wie verhalten sich Anleger unter diesen Rahmenbedingungen am besten? Bei Renten sei nicht mehr viel zu holen, konstatiert Schlumberger. „Anleihen, die klassische Alternative zu Aktien, fallen weitgehend aus.“ Die Rendite vieler Staatsanleihen liegt weiterhin unter der Nulllinie, bei Unternehmensanleihen sieht es kaum besser aus. „Heute kann ich nur in Cash ausweichen“, sagt Schlumberger.

Bleiben also Aktien. „US-Unternehmen – allen voran die FAANG-Aktien, also Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google/Alphabet – sind im Vergleich zu den Zinsen bereits relativ hoch bewertet. In Europa und den Schwellenländern sieht es besser aus“, sagt Schlumberger. Attraktive Anlagechancen müsse man aber sehr genau suchen. Linker, also inflationsgeschützte Anleihen, sieht der Experte dagegen nicht auf der Gewinnerseite. Bei Edelmetallen wie Gold stehen die Chancen aus seiner Sicht besser. Anleger müssen die Märkte über den Sommer genau im Blick behalten – genau wie die Zentralbanken.

21.06.2021    Martin Hintze
  • Drucken
Zur Startseite