Zwei laufende Männer tragen einen großen Bleistift auf den Schultern, auf dem ein Reiter sitzt und nach vorn zeigt bzw. die Richtung angibt. Comicartige Darstellung.
04.05.2021    Christian Buchholz
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Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger:

„Die Politik hat vom hohen Ross aus Vorschriften gemacht“

„Die Coronakrise hat uns überrollt“, sagt Hubert Aiwanger, Bundes- und Landesvorsitzender der Freien Wähler und Wirtschaftsminister in Bayern. Denn Politik und Verwaltung hätten sich zu Beginn der Pandemie noch in der digitalen Steinzeit befunden – die ersten Hilfsprogramme im Freistaat sogar noch mit Papier und Bleistift aus dem Boden gestampft. Mancher Rahmen für Unternehmen wird mit Blick auf die digitale Transformation durchaus auch richtig gesetzt. Doch hinkt man den eigenen Ansprüchen immer noch weit hinterher.

In Kürze:

  • Behörden haben großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung.
  • Wirtschaft fordert von der Politik Planungssicherheit, damit Investitionen in Innovationen möglich sind.
  • Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger sieht im Thema Wasserstoff die Antwort auf entscheidende Zukunftsfragen.
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Der digitale Nachholbedarf in den Behörden ist enorm. Das weiß auch Martin Bellin, Senior Vice President of Operations EMEA beim Softwarehaus Coupa, das Mittelständler in Sachen Business-Spend-Management berät. Er fordert: „Die Politik darf nicht mehr in Papier-und-Bleistift-Strukturen denken, sondern muss zu agilen Lösungen umsteuern.“ Das ist jedoch leichter gesagt, als getan. Schließlich stehen dabei nicht selten hohe juristische Hürden im Weg – zum Beispiel bei der digitalen Unterschrift auf den Anträgen für Coronahilfen, wie der bayerische Wirtschaftsminister aus der Praxis berichtet.

Im Vergleich meistern viele Unternehmen die Herausforderungen der Digitalisierung mit größerem Erfolg – und höherer Geschwindigkeit. Wenn auch der Veränderungsdruck externer Art teils höher ist als der interne. Taugt die Wirtschaft deshalb als Vorbild? „Wir sind froh, dass wir eine moderne Wirtschaft haben, die der Politik zeigt, wie es geht“, so Aiwanger im DUP Digital Business Talk.

Ein Beispiel aus der Praxis, das extern wie intern angetrieben wird, ist MAN. Der bayerische Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern hat sich auf die Fahnen geschrieben, mithilfe von digitalem Know-how und Industrie 4.0 seine Wertschöpfungsketten zu optimieren. Ziel ist es, die Lieferketten aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die „richtigen Lösungen für eine CO2-freie Zukunft zu finden“, so Lukas Walter, Senior Vice President Engineering Powertrain bei MAN.

Am DUP Digital Business Talk nahmen teil:

  • Hubert Aiwanger, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie stellvertretender Ministerpräsident, Freie Wähler
  • Lukas Walter, Senior Vice President Engineering Powertrain, MAN
  • Martin Bellin, Senior Vice President EMEA, Coupa

Moderation: Thomas Eilrich, Chefredakteur, DUP UNTERNEHMER

Schulterschluss von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft

Fakt ist: Wo Überregulierung und die Angst vor Veränderung zusammentreffen, ist Wandel nur schwer möglich. Doch die Coronakrise hat viele Unternehmen die schiere Notwendigkeit der Transformation klar gemacht und für ein Umdenken gesorgt. Aiwanger ist sich dem Zugzwang bewusst, den dieser Umstand ausübt. Er fordert durchaus selbstkritisch einen Schulterschluss von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft: „Die Politik hat vom hohen Ross der Wirtschaft Vorschriften gemacht, mit denen sie leben musste.“ Jetzt merke die Politik, dass dies nicht der richtige Weg gewesen sei.

Der Staatsminister musste im vergangenen Jahr mit ansehen, wie die hoch gelobte Wirtschaft im Freistaat aufgrund des schwächelnden Exportgeschäfts um 5,5 Prozent – und damit sogar stärker als im Bundesdurchschnitt – einbrach. Jetzt will er „genauer hinschauen, was die Wirtschaft braucht, um zu gesunden.“ Seine Prognose für sein Bundesland jedenfalls fällt erwartungsgemäß positiv aus.

Schnelle Hilfe in der Krise, aber Wirtschaft verlangt Planungssicherheit

Unabhängig von ihrem eigenen Digitalisierungsgrad habe die Politik in der Coronakrise schnell handeln und helfen müssen. Mit Kurzarbeitergeld, Wirtschaftshilfen oder Fördergeldern zum Ausbau der digitalen Infrastruktur habe man genau das auch getan, berichtet Aiwanger. Das kam Unternehmen wie beispielsweise MAN und ihren Beschäftigten zugute, bestätigt auch Walter: „Wir haben es so geschafft, unsere Trucks fahren und die Produktionsbänder laufen zu lassen.“

Aber: Die Aufgabe der Politik sei mit der Krisenbewältigung selbst bei Weitem nicht erfüllt. Walter verlangt vielmehr Planungssicherheit, um dringend notwendige Innovationen wie das autonome Fahren oder CO2-freie Antriebstechnologien erfolgreich auf den Weg zu bringen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei laut Walter das Flottenerneuerungsprogramm, das die bayerische Landesregierung Anfang des Jahres auf den Weg gebracht hat.

Aiwanger setzt voll und ganz auf Wasserstoff

Die Ausgestaltung einer Mobilität der Zukunft sei vor allem von politischen Entscheidungen abhängig, denn die alternativen Antriebstechnologien mit Batterie und Wasserstoff sind längst in der Pipeline. „Vor uns liegen hohe Investitionen und wir müssen eine viel größere Technologiebreite anbieten. Deshalb brauchen wir entsprechende Förderungen“, stellt Walter klar.

Die ersten Schritte in die richtige Richtung sind getan, ein Infrastrukturprogramm für Wasserstoff-Tankstellen in Bayern wurde bereits verabschiedet. Dabei ist sicher nicht von Nachteil, dass Wirtschaftsminister Aiwanger bekennender Wasserstoff-Fan ist: „Damit bekommen wir die Klima-, Wohlstands- und Mobilitätsfragen unter einen Hut, müssen aber trotzdem keinen Verzicht predigen.“

Politik kann von den Fehlern bei der Digitalisierung lernen

Gelingt der Politik beim Thema Wasserstoff, was sie bei der Digitalisierung verschleppt hat? Warum nicht, aber dann – da sind sich die Experten einig – dürften die engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und der Willen zu schnelleren Entscheidungen nicht nur Lippenbekenntnisse sein. „Wenn die Planungssicherheit da ist, schafft Wasserstoff den Durchbruch“, unterstreicht Aiwanger seine Ambitionen. Er setzt für die Zukunft auf die Brennstoffzelle mit Wasserstoff in optimaler Ergänzung zur Batterie und prognostiziert einen riesigen internationalen Markt für die neuen Technologien. Auf dem sollen die deutschen Unternehmen eine führende Rolle einnehmen.

Die Politik gibt sich lernfähig. Coupa-CEO Bellin gibt die Devise vor: „Es geht darum, Dinge zu antizipieren, bevor sie nötig werden.“ Jetzt, so der Treasury-Experte, müssten auf die gut gemeinten Worte aber auch politische Entscheidungen folgen. Denn Planungssicherheit ist die Grundvoraussetzung für Unternehmen, um ihre Innovationen auf den Markt zu bringen.

04.05.2021    Christian Buchholz
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