Gesundheitsdaten smart nutzen

Unglaubliche Mengen an Daten über Krankheitsverläufe, Anamnesen und Therapieerfolge werden Tag für Tag an verschiedensten Stellen im Gesundheitswesen gesammelt. Doch bisher hakt es daran, diese Informationen zusammenzuführen, um sie analysieren und einen Nutzen daraus ziehen zu können. Wie könnten Lösungsansätze aussehen? Darüber sprachen Expertinnen und Experten beim BIG BANG HEALTH-Festival.

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Health Data Analytics

Daten sind die Zukunft der Medizin

Knapp 90 Prozent der Bundesbürger nutzen ein Smartphone. Daten werden darüber massenhaft geteilt. Was in vielen Lebensbereichen selbstverständlich erscheint, wird in der Gesundheitsbranche kaum genutzt. Woran das liegt und wie sich das ändern ließe – darüber sprachen Expertinnen und Experten beim BIG BANG HEALTH-Festival in Essen.

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein: Die Digitalisierung soll auch im Gesundheitswesen helfen, Prozesse effizienter zu gestalten. Das heißt in diesem Fall: Mitarbeitende entlasten und die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessern. Wären Gesundheitsdaten beispielsweise in der elektronischen Patientenakte für alle behandelnden Ärztinnen und Ärzte verfügbar, könnten etwa Doppelbehandlungen vermieden und der Behandlungsfortschritt beschleunigt werden. Doch die elektronische Patientenakte wird in Deutschland kaum genutzt. Ein Grund dafür liegt in undurchsichtigen Datenschutzbestimmungen.

Datenschutz darf nicht blockieren

„Statt eines Datenschutzbeauftragten bräuchten wir eigentlich einen Datennutzungsbeauftragten“, fordert daher die auf Medizinrecht spezialisierte Anwältin Professorin Alexandra Jorzig. „Wir haben 16 verschiedene Landesdatenschutzgesetze. Das ist ein Problem; wir kommen dadurch nicht vorwärts“, so Jorzig. „Natürlich brauchen wir einen gewissen Schutz sensibler Gesundheitsdaten. Aber es gibt auch das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, und auf dessen Basis kann man Daten ebenfalls nutzen.“ Denn wem die Gesundheitsdaten gehören und wer über die Heraus- und Weitergabe bestimmen kann, sei juristisch ganz klar geregelt, sagt Jorzig: einzig die Patientin oder der Patient.

Zusammenarbeit muss verbessert werden

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Um Patientinnen und Patienten zum eigenverantwortlichen Umgang mit ihren Gesundheitsdaten zu ermutigen – Stichwort Patienten-Empowerment –, ist es entscheidend, ihnen einen konkreten Nutzen für ihre Gesundheit aufzuzeigen. Welchen Vorteil haben sie davon, ihre Gesundheitsdaten digital zu erfassen und weiterzugeben? Und wie lassen sich Daten, die beispielsweise über eine Smartwatch ohnehin aufgezeichnet werden, nutzen, um die Gesundheit zu verbessern? Dafür werden Schnittstellen und Angebote benötigt, die nicht nur die Erfassung, sondern zugleich die Interpretation von Gesundheitsdaten effizient möglich machen.

Gefordert sind neben politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen auch die verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen: Ärztinnen und Ärzte in Praxen und Kliniken, Heilmittelanbieter, Gesundheitsberufe, Apotheken, Krankenkassen. Doch häufig herrscht noch Zurückhaltung. Fragen Patientinnen und Patienten etwa nach der elektronischen Patientenakte, könne kaum ein Arzt darauf adäquat reagieren, kritisiert Andreas Fischer, Geschäftsführer von opta data.

„Ich glaube, dass die Zukunft der Medizin auf Daten basiert“, so Fischer. Neben der Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten ist für ihn die Standardisierung und Vernetzung entscheidend, damit alle Beteiligten die Gesundheitsdaten auch tatsächlich nutzen und daraus wertvolle Schlüsse ziehen können.

Schutz und Fortschritt zusammendenken

Auch Stefan Heinemann, Experte für Ethik und Ökonomie der digitalen Medizin und Gesundheitswirtschaft an der FOM Hochschule, plädiert für mehr Austausch zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen. „Wenn jeder seinen eigenen Weg geht, kommen die großen Player aus dem Tech-Bereich und zeigen, wie es funktioniert. Dann können wir das, was unsere solidarische Gesundheitsversorgung intrinsisch stark macht, vielleicht überhaupt nicht mehr retten. Deswegen glaube ich, es gibt eine Pflicht, das, was legitim ist, auch wirklich zu tun und nicht nur darüber zu diskutieren“, sagt Heinemann.

Denn: Ethischen Grundsätzen widerspricht die Verwendung der Daten in seinen Augen nicht. Die Frage sei, ob es in Zukunft überhaupt irgendwelche Daten gebe, die keine Gesundheitsdaten seien. „Alles wird im Lichte von Vitalität, von Gesundheit interpretierbar“, ist Heinemann überzeugt. „Das wird auch ein Teil neuer Medizin.“

Wer also neue Impulse bei der Transformation des Gesundheitswesens setzen möchte, sollte loslegen und nicht zu lange darüber nachdenken, davon ist Jorzig überzeugt: „Man muss sich manchmal einfach auf den Weg machen und diesen im Zweifel im Prozess korrigieren. Das heißt nicht, dass wir alles freigeben, und jeder bekommt alle Daten und kann Missbrauch betreiben. Man kann den Datenschutz aufrechterhalten und trotzdem mal einen neuen Weg beschreiten. Das geht. Und wir sollten den Bürgern Eigenverantwortung im Umgang mit ihren persönlichen Daten zutrauen.“

Interview

„Lasst den Patienten selbst entscheiden!“

Andreas Fischer opta data Gruppe

Der Diplom-Informatiker ist seit 2000 Geschäftsführer der opta data Gruppe. Er leitet die Unternehmensgruppe gemeinsam mit Mark Steinbach

Der Umgang mit digitalen Daten und deren Verarbeitung soll in allen Bereichen des Gesundheitswesens effizient möglich sein. Um das Datenaufkommen zu managen, bietet die opta data Gruppe ihren Kundinnen und Kunden beispielsweise eine cloud-basierte Data-Mining- und Machine-Learning-Plattform. Geschäftsführer Andreas Fischer sieht in der Branche insgesamt allerdings noch viel Optimierungspotenzial.

Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn es um die Nutzung digitaler Gesundheitsdaten geht?
AFUnsere Hindernisse sind rechtlicher, ethischer, moralischer und wahrscheinlich auch wirtschaftlicher Natur. Deshalb kommen wir nicht so richtig voran. Wir bei opta data glauben sehr stark an Standardisierung. Wir brauchen Standards. Und diese muss jeder nutzen können. Sonst kommen wir niemals dazu, dass wir interdisziplinär Daten vereinheitlichen und auswertbar machen.
Was ist nötig, um die Nutzung und den Schutz medizinischer Daten in der Praxis zusammenzubringen?
AFMut, Eigenverantwortung und offene Standards. Unser Problem ist, dass wir versuchen, alles von oben zu regeln. Jeder gibt seine Daten für alles frei, wenn er einen Nutzen darin sieht und spürt. Ich glaube, wir könnten diesen Nutzen ohne Weiteres sehr schnell für die Patienten erzeugen. Und vielleicht muss man insgesamt ein bisschen entspannter mit dem Thema umgehen und sagen: Lasst doch den Patienten selbst entscheiden!
Schauen wir ein paar Jahre voraus: Wie werden Daten in der Medizin Ihrer Meinung nach künftig genutzt?
AFIch glaube, in 20 Jahren wird es keine Diagnostik ohne Künstliche Intelligenz mehr geben. Jedes KI-System kann Millionen von Krankheitsfällen begutachten, beurteilen und vergleichen. Selbst der erfahrenste Arzt hat in seinem Leben vielleicht von einem bestimmten Krankheitsbild Tausende Fälle gesehen, aber nicht Millionen. Und da haben wir wirklich einen Riesenfortschritt zu erwarten.
Transformation

Datenzugang als Gamechanger

Zu viele unterschiedliche Eigeninteressen und Datenbunkerung erschweren eine Digitalisierung des Medizinsektors in Deutschland. Dafür müsse, so Gesundheitsexperte Dr. Gottfried Ludewig, ein gezielter Daten- und Wissensaustausch zwischen den Playern am Markt stattfinden. Doch der Weg dahin erscheint beschwerlich.

Seit einigen Jahren zeigt sich im deutschen Gesundheitswesen ein verblüffender Widerspruch. Auf der einen Seite sind die Rahmenbedingungen für digitale Strukturen und Vernetzung vorhanden – das belegen die Zahlen. Immerhin betrug die Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft 2020 laut Statistiken der Bundesregierung mehr als 360 Milliarden Euro – also rund 12,1 Prozent des hiesigen Bruttoinlandprodukts. Und auch das Wachstum digitaler Gesundheitsanwendungen von 30 Prozent verspricht großes Potenzial. 

Big Data, Cloud – aber wenig Vernetzung

Geld und Visionen sind also vorhanden. Doch auf der anderen Seite gibt es wohl keinen Sektor in Deutschland, der derart hinter seinen Möglichkeiten bleibt und so dringend ein digitales Update, insbesondere auch der Infrastruktur, benötigt. Doch was verhindert im Zeitalter von Big Data, Cloud-Computing und Künstlicher Intelligenz den digitalen Fortschritt im deutschen Gesundheitswesen? 

„An den Rahmenbedingungen liegt es jedenfalls nicht, denn in keinem Bereich wird so viel Geld investiert wie im Gesundheitswesen“, sagt Dr. Gottfried Ludewig, Senior Vice President Health Industry der Telekom-Tochter T-Systems International, auf dem BIG BANG HEALTH-Festival. 

Trotzdem lahmt die digitale Entwicklung. Während andere Branchen spätestens mit Beginn der Coronapandemie einen Digitalisierungsschub erlebten, ist davon im Gesundheitssektor aufgrund starrer Strukturen, fehlender Vernetzung, datenschutzrechtlicher Barrieren und bürokratischer Hürden wenig zu spüren.

Im Kleinen vermittelt dieses Dilemma das Apple-Paradoxon: Ein Alltagsgegenstand wie die Ap­ple Watch scannt und digitalisiert Gesundheitsdaten zur Herzfrequenz, Ausdauer oder zu Bewegungszyklen von Millionen Menschen und übermittelt sie via Cloud in die Daten-Schatzkammer der US-Firma Apple. Den Weg in die Krankenakte der Trägerin oder des Trägers der Uhr finden diese wertvollen medizinischen Daten allerdings nicht. Im Großen zeigt sich der Fortschrittsstau im jahrelangen Kampf darum, E-Rezepte oder die digitale Patientenakte als Standard zu etablieren – beides eine schwere Geburt.

Ludewig kennt als langjähriger Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium die Hemmnisse am Markt nur zu gut. Auch für ihn sind die datenschutzbasierte Regulatorik und die mangelnde interdisziplinäre Zu­sammenarbeit zwischen den Marktteilnehmern der Grund für die Digitalisierungslücke.

Digitales Kreislaufsystem nötig

„Wenn sich die per Gesetz vorgegebene strenge Regulatorik nicht ändert und wir essenzielle Gesundheitsdaten nicht standardisiert nutzen können, wird es keine digitale Zukunftsmedizin geben“, ist sich Ludewig sicher. Bei der Vernetzung müssten neben dem Staat auch Unternehmen, Kliniken, Krankenkassen und alle weiteren Player am Gesundheitsmarkt umdenken und größere Budgets für IT-Projekte bewilligen.

T-Systems arbeite zum Beispiel als größter IT-Dienstleister im Gesundheitswesen aktiv an einem Wandel im Markt mit: „Wir bieten etwa eine digitale Infrastruktur für die gesetzliche Krankenversicherung an, verwalten die Daten von über 100 Kliniken in der Cloud oder haben das neue Krankenhausinformationssystem iMedOne in über 240 Kliniken implementiert“, zählt Ludewig auf. Doch auch diese Entwicklung hat Grenzen: Es gibt in Deutschland eine sektorale Trennung zwischen Gesundheitsservices, Anbietern und Empfängern.

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Mehr im Video! Schauen Sie sich jetzt die gesamte Keynote von Dr. Gottfried Ludewig, Gesundheitsexperte der Telekom-Tochter T-Systems International, beim BIG BANG HEALTH 2022 an

Die vielen Player am diversifizierten Gesundheitsmarkt und die durch das föderale System bedingten Unterschiede machen es schwer, dass alle an einem Strang ziehen. Es gebe, so Ludewig, in Deutschland zu viele Eigeninteressen und zu wenig gemeinschaftliche innovative Ideen, die sich systematisch auf die gesamte Branche übertragen ließen: „Wir müssen Alli­anzen bilden und zusammenarbeiten, ansonsten werden wir keine Veränderung erreichen.“ 

In der Vision des Experten müsste die moderne Medizin und Gesundheitsversorgung in Deutschland als eine Art digitales Kreislaufsystem funktionieren, innerhalb dessen Sphäre Wissen und Services zwischen allen Teilnehmenden zirkulieren – zum Wohle und Nutzen der Patientinnen und Patienten. 

Keine Daten-Blackboxes bilden

Erste ­Ansätze smarter digitaler Behandlungsmethoden ergeben sich in der Telemedizin – etwa durch telemedizinische Monitoring-Systeme, welche die Sterbe­rate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen laut einer Studie der Charité Berlin von elf auf acht Prozent senken. Auch durch KI-gestützte Anwendungen oder Interaktionsformen über Virtual Reality sollen künftig aus medizinischer Sicht Früchte tragen. Um diese Transformation voranzutreiben, so Ludewig, werde es Zeit, den Kurs von Telekom-CEO Timotheus Höttges endlich auch im Gesundheitswesen umzusetzen. Dieser hatte vor einigen Jahren für alle Geschäftsbereiche der Telekom vorgegeben: „Und alles, was vernetzt werden kann, wird auch vernetzt. Das betrifft Menschen, Maschinen und Produkte gleichermaßen.“ 

Die Symbiose aus Gesundheit und Technologie soll nicht dazu dienen, Daten-Blackboxes zu bilden. Eher geht es darum, medizinische Daten zu bündeln und gemeinsam effektiv um des Fortschritts willen auszuwerten. Wer aber davon träume, diesen Weg allein zu gehen, der scheitere, so Ludewig: „Nur durch Allianzen und Synergien können wir eine smarte, digitale, personalisierte Medizin entstehen lassen.“




Videocredit: Getty Images/andrearuffa

Bildcredits: Big Bang Health/Caroline Schlüter, Big Bang Health/Michael Schwettmann, Getty Images/ipopba

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