Eine Roboterhand füttert ein Sparschwein mit Kleingeld.
15.07.2021    Martin Hintze
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Digitale Vermögensverwaltung

Sind Robo-Advice-Angebote das neue Tagesgeld?

Zurücklehnen und das Geld für sich arbeiten lassen: Das versprechen digitale Vermögensverwalter zu günstigen Konditionen – und preisen ihre Angebote als Alternative zum Tagesgeld. Doch der Corona-Crash hat gezeigt, wie unterschiedlich die Konzepte der Anbieter sind.

In Kürze:

  • Sparer sind der Suche nach Alternativen zum Tagesgeld. Robo-Advisor eignen sich aber eher für langfristige Investitionen.
  • Die Konzepte der Anbieter unterscheiden sich stark, wie der Aktiencrash in der Coronakrise 2020 gezeigt hat.
  • Robo-Advisor investieren nach festen Regeln, sind aber von Künstlicher Intelligenz noch weit entfernt.

Wer sein Geld zur Bank trägt, bekommt nicht nur keine Zinsen mehr, sondern muss dafür draufzahlen. 450 Banken und Sparkassen erheben laut einer Studie des Vergleichsportals Biallo mittlerweile Verwahrentgelte, oft bereits ab 25.000 oder 50.000 Euro – Tendenz: stark steigend. „Die Negativzinsen sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Thimm Blickensdorf, Geschäftsleiter des Robo-Advisors Growney, im DUP Digital Business Talk anlässlich der Finance Week. „Die Inflationsrate liegt schon seit Jahren über ein Prozent. Das ist mit Termingeldern nicht zu kompensieren. An Aktien führt kein Weg mehr vorbei.“

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Robo-Advisor positionieren sich als komfortable und günstige Alternative: Bei den digitalen Vermögensverwaltern lassen sich Depots per Smartphone eröffnen, der Kunde sucht sich je nach Anlagedauer und Risikoneigung die passende Variante aus und kann sich zurücklehnen. Die Anpassung des Portfolios nach Marktlage oder das Rebalancing geschehen automatisch. Sind Robo-Advisor also das neue Tagesgeld? „Sie sind eine Alternative, aber nicht deckungsgleich zum Tagesgeldkonto“, sagt Jacob Hetzel, Head of Distribution bei Scalable Capital, die ebenfalls einen Robo unterhält. „Wer kurzfristig an sein Geld will, für den sind Aktien nicht ideal“, ergänzt Blickensdorf.

Digital und analog schließen sich nicht aus

Die Nachfrage ist spürbar gestiegen: „2020 war ein super Jahr. Die Sparer haben sich zu Coronazeiten mehr mit Wertpapieren auseinandergesetzt“, sagt Lars Brennholt, Leiter Finanzplanung bei der Targobank. Vielen Kunden sei aber auch eine persönliche Beratung wichtig. „Digital und analog müssen sich nicht ausschließen. Wir planen in diesem Jahr 45 Veranstaltungen und bieten persönliche Video-Beratung an“, bestätigt Scalable-Capital-Mann Hetzel. Dem stimmt Sebastian Hasenack, Leiter der Online-Vermögensverwaltung bei DJE Kapital und damit verantwortlich für den Robo-Advisor Solidvest, zu: „Auch ein Kunde, der bei uns Millionen investiert, will die digitalen Vorzüge genießen.“

Am Talk in der DUP Finance Week nahmen teil:

  • Thimm Blickensdorf, Geschäftsleitung, Growney
  • Lars Brennholt, Leiter Finanzplanung, TARGOBANK
  • Jacob Hetzel, Head of Distribution, Scalable Capital
  • Sebastian Hasenack, Leiter Online Vermögensverwaltung DJE Kapital

Moderation: Frank Werner, Geschäftsführer, Finanzen Verlag

Das Auf und ab an den Börsen im Coronajahr 2020 war für die Robo-Advisor aber auch der erste ernsthafte Belastungstest. „Der Kapitalmarkt 2020 war schwierig für jeden, der quantitativ anlegt“, sagt Hetzel. Die Scalable-Capital-Portfolios seien bei der Performance zurückgefallen, hätten aber  die Rückstände inzwischen wieder aufgeholt. „Investoren sollten eine Strategie auch in einer Krise durchhalten und nicht die Reißleine ziehen“, so Hetzel. Bei Growney haben die Kunden durchgehalten: „Wir hatten im vergangenen Jahr an keinem Tag Nettoabflüsse und unsere Aktienstrategie lag fünf Prozent im Plus“, sagt Blickensdorf.

ETF oder Direktinvestment?

So unterschiedlich wie die Performance sind die Portfolien der Robo-Advisor. „Wir setzen klar auf eine passive Anlagestrategie ausschließlich über ETF und streuen das Kapital so auf rund 5000 Unternehmen“, sagt Blickensdorf. Auch bei Scalable Capital kommen ETF zum Einsatz, je nach Variante 15 bis 18 passive Fonds. Solidvest setzt dagegen auf Direktinvestments wie in der klassischen Vermögensverwaltung. „Wir kaufen nur Einzelaktien und Anleihen, von denen unser großes Analystenteam überzeugt ist. Insgesamt etwa 50 Titel“, erklärt Hasenack. Das führt zu etwas höheren Gebühren als bei den Wettbewerbern, diese seien „in der langfristigen Perspektive aber etwas untergeordnet zu betrachten.“

Auch bei Pixit, der digitalen Vermögensverwaltung der Targobank, werden die Anlageentscheidungen von Menschen getroffen. „Vom Thema Künstliche Intelligenz sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Algorithmen können den Markt bislang nicht allein einschätzen“, sagt Brennholt.

Ältere Anleger verzichten auf Nachhaltigkeit

Das Trendthema ESG spielt auch bei den Robos eine Rolle: „Gerade unseren jüngeren Kunden und Interessenten ist eine nachhaltige Anlage wichtig“, sagt DJE-Mann Hasenack. Allerdings: Je älter der Anleger, desto weniger relevant sei der ökologische Aspekt. „Je höher die Vermögen, desto eher setzen die Investoren auf eine klassische Anlage, weil dort die Diversifikation größer ist“, beobachtet Growney-Geschäftsleiter Blickensdorf.

Die Robo-Advisor blicken optimistisch in die Zukunft. „Im Jahr 2030 dürfte der Marktanteil bei mehr als zehn Prozent der gesamten Vermögensverwaltung liegen“, schätzt Hetzel. DJE-Experte Hasenack fordert: „Vermögensverwalter müssen digital werden und in Forschung und Entwicklung investieren, um relevant zu bleiben.“ Und Blickensdorf ergänzt: „Es wird bald kaum noch Bankfilialen in Deutschland geben, deswegen werden digitale Vermögensverwaltungen an Bedeutung gewinnen.“ Und wer weiß, vielleicht werden sie ja tatsächlich das neue Tagesgeld.

15.07.2021    Martin Hintze
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