Portraitfoto von Meta-Chef Mark Zuckerberg in schwarz-weiß vor einem blau-pinken Hintergrund.
22.02.2022    Christian Buchholz
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Die Tech-Milliardäre Elon Musk und Jeff Bezos wollen ins Weltall, Mark Zuckerberg wagt dagegen lieber den Schritt ins Metaversum – eine Art dreidimensionales Internet, in dem verschiedene virtuelle und reale Welten miteinander verschmelzen. Der Facebook-Gründer sieht in dieser Form des sozialen Miteinanders nicht weniger als die „Zukunft des Internets“, wie er es im Oktober 2021 auf der hauseigenen Konferenz „Connect“ verkündete.

Mit Metaverse, so der Name des Face­book-Metaversums, will er zum zweiten Mal in seinem noch recht jungen Leben Vordenker für ein Zukunftsthema und die Tech-Branche sein. Deshalb nannte er zunächst selbstbewusst den Mutterkonzern Facebook in Meta um. Kritiker sehen darin vor allem einen Versuch, die alten Probleme hinter sich zu lassen. Denn nach immer neuen Skandalen gehen die Nutzerzahlen von Facebook zurück, der Börsenwert brach zuletzt massiv ein. Zuckerberg muss also reagieren – damit sein Unternehmen nicht das gleiche Schicksal ereilt wie einst Nokia oder den Social-Media-Vorreiter MySpace.

Dafür hat der Facebook-Gründer bereits ein umfassendes Geschäftsmodell entwickelt und inszenierte sich mit seinem Meta-Coup im vergangenen Herbst in der breiten Öffentlichkeit einmal mehr als entscheidenden Ideengeber für die nächste digitale Revolution. „Es geht nicht darum, noch mehr Zeit vor Bildschirmen zu verbringen. Wir wollen die Zeit, die wir bereits dort verbringen, besser machen“, erklärte Zuckerberg.

Ist Metaverse das nächste große Ding? Vielleicht. Im Silicon Valley überraschte er mit seinen Plänen aber kaum noch jemanden. Denn nach Big Data und Künstlicher Intelligenz (KI) setzen längst weitere namhafte Unternehmen sowie innovative Start-ups auf das Zukunftsthema Metaversum. Es ist das viel zitierte „next big thing“. Auch deshalb entwickelt sich aktuell ein Tech-Wettlauf um die Erschaffung neuer virtuelle Welten, die mit verschiedenen Geräten und der entsprechenden Software betreten werden können. Es entsteht ein neuer milliardenschwerer Markt, in dem nicht nur Zuckerberg und sein Konzern von Beginn an kräftig mitverdienen wollen.

Grosse Konkurrenz um das Metaversum

Softwaregigant Microsoft stellte Anfang November 2021 – wenige Tage nachdem Zuckerberg seine Meta-Pläne präsentiert hatte – ebenfalls ein Konzept für ein eigenes Metaversum vor. Und bei der Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen Ende Januar bekräftigte Microsoft-Chef Satya Nadella, dass es sein Konzern damit ernst meint und sich für den Kampf mit dem Facebook-Mutterkonzern bestens gewappnet sieht: „Wir fühlen uns sehr gut positioniert, um auf dem zu surfen, was meiner Meinung nach die nächste Welle des Internets ist.“

Dafür wirft Microsoft auch seine massive Finanzkraft in die Waagschale. Der Konzern plant die Übernahme des Videospiel­herstellers Activision Blizzard – unter anderem verantwortlich für die Gaming-Hits „Call of Duty“ und „World of Warcraft“ – für 68,7 Milliarden Dollar. Damit könnte Microsoft zum drittgrößten Spiele­hersteller der Welt aufsteigen. Möglich machen das Milliardengewinne, die im vergangenen Jahr mit Cloudservices, den erfolgreichen Office-Paketen sowie mit der Spielekonsole Xbox One eingefahren wurden. Allerdings sollen nicht nur neue virtuelle Welten für Videospielfans entstehen.

Vorbild ist die Videospiel-Industrie

Apropos Videospiele: Millionen Gamer auf der ganzen Welt verbringen bereits einen Großteil ihrer Freizeit in simulierten Welten und interagieren über Avatare mit anderen Menschen im Internet. Es ist ein riesiger Markt, der weiter kräftig wächst – auch weil die Zielgruppe breiter, älter und damit größer wird.

Spätestens mit Beginn der Coronapandemie wurden die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt auch für immer mehr Unternehmer und Beschäftigte fließend. Digitale Kommunikation ist schon längst allgegenwärtig, Remote Work und Online-Meetings gehören mittlerweile ebenfalls zur New-Work-Realität für die meisten Arbeitnehmenden. Die Entgrenzung zwischen Privatleben und Arbeitswelt nimmt weiter zu. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was das Metaversum sein kann oder sein soll. Denn geht es nach Microsoft und Zuckerberg, könnte das schon bald für alle Normalität werden. Ganz bestimmt ist es vor allem wirtschaftlich äußerst lukrativ.

Riesiges Potenzial für Unternehmen im Metaversum

Tino Krause, der seit Februar 2019 als Country Di­rector DACH die Geschäftsentwicklung von Meta in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortet, sieht in einem Metaversum vor allem für Unternehmen riesiges Potenzial. Firmen sollen es als Chance und Sprungbrett sehen, denn ihre Produkte und Dienstleistungen könnten mithilfe von Augmented und Virtual Reality (AR und VR) wesentlich vielfältiger und erlebbarer werden. Sie müssten sich lediglich ein Szenario vorstellen, in dem alle bestehenden physischen Beschränkungen der Welt aufgehoben wären.

Voraussetzung dafür sind VR-Brillen und -Headsets – selbstverständlich vom Hersteller Oculus, der ab diesem Jahr seine Hightech-Hardware ebenfalls unter dem Namen des Mutterkonzerns Meta auf den Markt bringt. Nachdem Facebook das Start-up Oculus 2014 übernommen hat, ist es zu einem der Innovationstreiber auf dem Markt der VR-Brillen aufgestiegen. Die „Oculus Quest 2“ hat sich in den USA bereits vier Millionen Mal verkauft. Sie ist kabellos und kann ohne zusätzliche Hardware Hand- und Fingerbewegungen tracken. Das nächste Quest-Modell „Project Cambria“, das ebenfalls auf der Konferenz „Connect“ im Oktober vorgestellt und für Sommer dieses Jahres angekündigt wurde, soll sogar die Mimik der Nutzerinnen und Nutzer Echtzeit virtuell übersetzen können. Auf diese Weise soll der soziale Austausch im Metaversum noch besser und unmittelbarer werden.

Meta ist ein Gemeinschaftsprojekt

Krause schürt Goldgräberstimmung – und weckt den Erfindergeist bei Unternehmerinnen und Unternehmern. Nicht ohne Grund, denn Meta braucht sie, um seine schöne neue virtuelle Welt aufbauen zu können. Krause erklärt: „Das Metaversum ist kein einzelnes Produkt, das ein Unternehmen allein entwickeln kann. Wir können und wollen es nicht allein bauen, sondern kooperieren mit einer Vielzahl von Unternehmen, Organisationen, Expertinnen und Experten sowie politischen Stakeholdern, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen.“

Das Metaversum soll viel immersiver sein; User sollen vor allem das Gefühl haben, eine gemeinsame Erfahrung zu machen, obwohl sie nicht zusammen sein können. „Ich bin gespannt auf das nächste Kapitel“, so Krause. Zuckerberg ist es auch und frohlockt: „Wir werden die Grenzen des heute Möglichen überwinden, die Einschränkungen der Bildschirme hinter uns lassen, uns über geografische und physikalische Barrieren hinwegsetzen – und auf eine Zukunft zusteuern, in der alle Menschen zusammenkommen, neue Möglichkeiten schaffen und neue Dinge erleben.“

Absturz kurz nach dem Neustart

Doch wie erfolgreich wird das nächste Kapitel schlussendlich werden? Das ist zum jetzigen Zeitpunkt keinesfalls klar. Denn zwei Tage vor dem 18. Facebook-Geburtstag gab es am 2. Februar dieses Jahres einen deftigen Dämpfer für Anleger und Mitarbeitende von Meta. Bei der Vorstellung der neuesten Quartals- und Jahreszahlen im kalifornischen Menlo Park musste der sonst so erfolgsverwöhnte Zuckerberg zum ersten Mal überhaupt in der Unternehmensgeschichte sinkende Nutzerzahlen für Facebook melden. Demnach waren im Vergleich zum Vorquartal rund eine Million Nutzer weniger pro Tag im größten sozialen Netzwerk der Welt unterwegs – in Summe waren es aber immer noch 1,93 Milliarden Menschen. Zum Vergleich: Im Quartal zuvor war die Nutzerzahl um etwa 25 Millionen gewachsen.

An der Börse sorgte diese Meldung für ein mittelschweres Beben: Der Konzernumsatz wuchs im vierten Quartal zwar auf knapp 33,7 Milliarden Dollar an, der Gewinn aber ging um acht Prozent auf etwa 10,3 Milliarden Dollar zurück. Außerdem soll das für 2022 prognostizierte Umsatzwachstum laut Meta schwächer ausfallen als von Analysten angenommen. Folge: Die Aktie sackte ab, verlor binnen weniger Minuten über 20 Prozent und Meta mehr als 200 Milliarden Dollar an Börsenwert. So fehlt jetzt Zuckerberg Geld für die Weiterentwicklung seines Metaversums, um im Wettlauf um die virtuellen Welten mit der starken Konkurrenz Schritt halten zu können.

Mit Meta aus der Zwickmühle

Zuckerberg steht unter Druck; der Traum vom un­aufhaltsamen Wachstum ist geplatzt. Mit knapp drei Milliarden Menschen, die sich einmal im Monat bei Facebook einloggen, scheint der Peak erreicht und überschritten. Dass dies irgendwann passieren musste, wusste Zuckerberg. Deshalb kam er dieser Meldung mit der Vorstellung seiner Meta-Pläne zuvor. Die sollen ein Weg aus dieser Zwickmühle sein. Denn Zuckerberg weiß: Tech-Konzerne müssen sich immer wieder neu erfinden, um nicht an Bedeutung zu verlieren. Die Transformation hin zu Meta ist aber ein Schachzug mit ungewissem Ausgang. Denn trotz des neuen Namens und des veränderten Geschäfts­modells lassen sich die alten Probleme kaum abschütteln.

Mehr für das Online-Miteinander tun

Datenschutz- und PR-Skandale, Wahlbeeinflussung durch Fake News, Hasskommentare: Facebook, das einst als cooles und innovatives Tech-Vorbild galt, ist längst nicht mehr hip. Heute steht der Name des weltweit größten sozialen Netzwerks sinnbildlich für ein vergiftetes Klima – in den sozialen Medien und in der Gesellschaft. Die Coronapandemie hat noch mal als Brandbeschleuniger gewirkt. Twitter hin, Telegram her: Viele Nutzer und nicht zuletzt auch die Politik erwarten von dem sozialen Netzwerk, dass es seine riesige Reichweite nutzt, um neue Standards für ein besseres Online-Miteinander zu setzen. Nur dann besteht auch tatsächlich die Chance, dass wieder mehr Nutzer aktiv werden.

Mit Blick auf das Metaverse werden diese Herausforderungen für Zuckerberg und sein Unternehmen noch größer, wenn die User noch unmittelbarer und visueller miteinander interagieren sollen. Soll heißen: Die schöne neue Online-Welt braucht von Beginn an klare Spielregeln – sowohl in Bezug auf den Jugend- und Datenschutz als auch auf die Inhalte.

Zuckerberg ist sich dessen bewusst: „Wir haben Technologien entwickelt, die Menschen auf neue Weise zusammengebracht haben. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und geschlossenen Plattformen haben uns vieles gelehrt. Jetzt ist es an der Zeit, das Gelernte zu nutzen, um das nächste Kapitel zu schreiben.“ Meta will also aus den Fehlern der Social-Media-Ära lernen und hat angekündigt, mit Experten aus Politik, Industrie und Wissenschaft zusammen­arbeiten zu wollen, um die Möglichkeiten und Risiken eines Metaversums vollumfänglich verstehen und ­adres­sieren zu können. Jetzt müssen Taten folgen.

Meta Investiert massiv in die Zukunft

Metas Country Manager Tino Krause verspricht: „Schädlichen Inhalten haben wir entschieden den Kampf angesagt. Unser Sicherheitsteam hat sich seit 2016 auf 40.000 Mitarbeitende verdreifacht und prüft Inhalte in 50 Sprachen und an 20 Standorten. 2021 haben wir allein in diesem Bereich mehr als fünf Milliarden Dollar investiert – jeder Schritt in unserer Arbeit ist dabei ein nächster, aber keinesfalls der letzte.“ Krause betont aber auch, dass der Großteil der Aktivitäten auf den Meta-Plattformen positiv sei und diese den gesellschaftlichen Austausch stärkten. „Gerade diese positiven Erlebnisse wollen wir mit dem Metaversum noch ein Stückchen besser, nahbarer und immersiver machen“, so Krause.

Die Zukunft lässt sich Meta einiges kosten: In diesem Jahr investiert der Konzern aus Menlo Park zehn Milliarden Dollar in die Facebook Reality Labs. Damit kann die Metaverse-Abteilung neue Hard- und Software, aber auch Inhalte entwickeln. In den kommenden fünf Jahren sollen allein in Europa 10.000 neue Jobs entstehen. Zuckerberg sagt: „Ich glaube, dass wir auf dieser Erde sind, um Dinge zu erschaffen. Ich glaube, dass die Technologie unser Leben besser machen kann. Und ich glaube, dass die Zukunft sich nicht von selbst gestaltet. Das ist meine Antwort.“ Doch ist es auch die richtige?

22.02.2022    Christian Buchholz
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