Eine Illustration von dem Creditzeichen, einem c mit einem Kreis drumherum, welches für Patente steht.
20.04.2022    Olivia Schlumm
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Wer etwas entwickelt, was patentierbar ist, muss etwas Innovatives geschaffen haben. Und dass die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft weiter hoch ist, zeigt der „Patent Index 2021“ des Europäischen Patentamts (EPA). Dessen zentralste Ergebnisse:

  • Deutsche Firmen meldeten im vergangenen Jahr im europäischen Vergleich die meisten Patente an.
  • München ist – gemessen an den Patentanmeldungen der dort ansässigen Unternehmen – die innovativste Stadt europaweit.
  • Besonders stark war das Wachstum der Patentanmeldungen in den Bereichen Medizin- und Computertechnik.

Insgesamt wurden 2021 beim EPA 188.600 Patente angemeldet – ein Plus von 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und ein neuer Rekord. „Dies unterstreicht die Kreativität und Widerstandsfähigkeit von Erfindern in Europa und weltweit“, sagt EPA-Präsident António Campinos zu den steigenden Zahlen trotz anhaltender coronabedingter Krise.

 

China schließt zu Deutschland und den USA auf

Treiber dieser Entwicklung war vor allem China. Zwar führen die USA (46.533 Anmeldungen), Deutschland (25.969) und Japan (21.681) die Liste des größten Patentanmeldeländer beim EPA weiterhin an. China liegt mit 16.665 Patentanmeldungen bisher nur auf dem vierten Rang. Allerdings haben sich die Anmeldungen chinesischer Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht. Allein im Vergleich zu 2020 stieg die Zahl der chinesischen Patentanmeldungen in Europa um 24 Prozent; die Zahl der deutschen Anmeldungen hingegen nur um 0,3 Prozent.

Insgesamt fiel der Anteil der Patentanmeldungen der 38 Mitgliedsstaaten der Europäischen Patentorganisation von 50 Prozent im Jahr 2013 auf jetzt nur noch 44 Prozent. Dies sei vor allem der Tatsache geschuldet – so die Expertinnen und Experten vom EPA –, dass immer mehr nicht-europäische und insbesondere asiatische Akteure versuchen, ihre Erfindungen auf dem europäischen Markt schützen zu lassen.

Forschungsoutput in China steigt deutlich

Insgesamt bestätigt der „Patent Index 2021“ die Erkenntnisse aus dem Jahresgutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Diese leistet wissenschaftliche Politikberatung für die Bundesregierung und legt seit 2008 Gutachten zum Status quo von Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands vor.

Im diesjährigen Gutachten wird sehr eindringlich deutlich gemacht, dass Deutschland in den letzten 20 Jahren bei Schlüsseltechnologien im internationalen Wettbewerb den Anschluss verloren hat. Der Grund dafür: China hat stark aufgeholt. Deutschland habe durchaus Stärken in den Produktionstechnologien sowie den Bio- und Lebenswissenschaften, heißt es im Gutachten. Als „ernsthaft kritisch“ bewertet die EFI allerdings, dass nicht nur Deutschland, sondern die gesamte EU starke Schwächen bei digitalen Technologien habe.

Das aktuelle EFI-Gutachten – erstellt zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung – zeigt „in allen untersuchten Feldern einen rasanten Anstieg der Publikationsaktivitäten“ der Volksrepublik. In Zahlen heißt das: China steigerte den Forschungsoutput zu digitalen Technologien seit dem Jahr 2000 um das 17,5-fache, Deutschland dagegen nur um das 3,4-fache.

Asiatische Konzerne stehen an der Spitze

Wer forscht, wird bestenfalls irgendwann zu einem patentierbaren Ergebnis kommen. Und so zeigt sich beim Blick in die Liste der Unternehmen, die in Europa die meisten Patente angemeldet haben: Mit Huawei steht ein chinesischer Konzern ganz vorn. 3.544 Patente wurden von dem Unternehmen 2021 in Europa angemeldet – also knapp ein Fünftel aller chinesischen Patente. Auf den Plätzen zwei und drei folgen mit Samsung und LG südkoreanische Konzerne.

Unter den Top Ten finden sich mit Siemens (Platz 5, 1.720 Patentanmeldungen) sowie Bosch (Platz 10, 1.289 Anmeldungen) aber immerhin zwei deutsche Unternehmen.

Das kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass China sich inzwischen eine Spitzenposition in der Forschung, Anwendung und beim Handel mit fast allen Schlüsseltechnologien erarbeitet hat. Laut EFI-Gutachten hat Deutschland beim Handel noch Vorteile in den Bereichen Photonik, Advanced Manufacturing, neue Werkstoffe und den Lebenswissenschaften. Teils deutliche Nachteile hingegen zeigen sich unter anderem bei

  • Robotik,
  • Bioökonomie und Nanotechnologie,
  • digitale Sicherheit,
  • Big Data,
  • Mikroelektronik sowie
  • Künstliche Intelligenz.

Und auch bei den Produktionstechnologien drohe Deutschland – trotz traditionell starkem Maschinenbau – perspektivisch den Anschluss zu verlieren. Denn dieser Bereich wird ebenfalls zunehmend von digitalen Technologien durchdrungen.

Deutschlands Innovations- und Wirtschaftskraft steht auf dem Spiel

Geht die Entwicklung so weiter wie aktuell, läuft Deutschland Gefahr, technologische Souveränität einzubüßen und die Abhängigkeit von Technologie aus Asien noch weiter zu erhöhen. Zudem stehen der Wohlstand des Landes und das Gelingen der ökologischen Transformation auf dem Spiel.

Wie sich das Ruder noch rumreißen ließe? „Die deutsche Politik muss noch aktiver werden, wenn es darum geht, technologische Rückstände aufzuholen. Bei den digitalen Technologien brauchen wir jetzt einen Booster“, sagt der EFI-Vorsitzende Professor Uwe Cantner. So wurde beispielsweise die von der vorherigen Bundesregierung aufgesetzte KI-Strategie bislang eher schleppend umgesetzt.

„Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag wichtige Aufgaben der Forschungs- und Innovationspolitik benannt und in den Dienst der Transformationen zu einer sozial-ökologischen Wirtschaft und Gesellschaft gestellt“, sagt Cantner. „Es gilt nun, hierzu eine ganzheitliche Forschungs- und Innovationsstrategie zu entwickeln, die den gesamten Innovationsprozess umfasst und insbesondere auch zeitlich aufeinander abgestimmte Förderprioritäten benennt. Diesbezüglich ist der Koalitionsvertrag noch sehr vage geblieben.“

Eigentlich plädierte die EFI vor den Koalitionsverhandlungen dafür, ein Digitalisierungsministerium einzurichten. Und auch im aktuellen Gutachten heißt es: Anders als viele westliche Staaten „belässt China die Setzung von Standards nicht in der Eigenverantwortung der Unternehmen und Organisationen, sondern setzt auf ein zentralisiertes und kontrolliertes staatliches Vorgehen“.

Da die Regierungsparteien einen anderen Weg eingeschlagen haben, sei nun vor allem eines wichtig: Die digitalpolitischen Aktivitäten der einzelnen Ressorts müssen besser als in der Vergangenheit koordiniert und aufeinander abgestimmt werden. Zudem empfiehlt die EFI die Einrichtung eines unabhängigen, international besetzten Gremiums. Dieses soll beobachten, wo Deutschland bei Schlüsseltechnologien im Vergleich steht und ob Fördermaßnahmen angepasst werden müssen.

20.04.2022    Olivia Schlumm
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