auf einer Petrischale sind medizinische Daten und eine DNA zu sehen; im Hintergrund steht eine Laborantin, die die Petrischale hält
10.07.2023
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Jens Baas über die Organisation der Gesundheit:

Wenn die Menschen heute einen Arzt suchen, ist eigentlich fast alles wie vor 100 Jahren. Zunächst werden Freunde und Familie gefragt: Wen würdet ihr empfehlen? Hört man dann, Doktor X ist ganz nett, folgen der Griff zum Hörer und der Versuch, einen Termin zumachen. Nach ein paar Anläufen erreicht man mit viel Ausdauer die Praxis und bekommt irgendwann einen Termin – mit Pech aber auch nicht.

Beim ersten Arzttermin stellt man dann fest, welche Vorbefunde man besser schon mitgehabt hätte, und dass man nun deshalb wiederkommen muss. Bei der Anamnese fragt der Arzt notgedrungen viele Dinge, die jeder andere Arzt bei jedem Termin auch schon gefragt hat, etwa die Frage nach Allergien. Und alle Ärzte kennen Patienten, die auf die Frage nach ihren Medikamenten mit „Sie wissen schon, die kleinen roten, die so bitter schmecken“ antworten. Benötigt der Arzt zusätzliche Untersuchungen, und sei es nur ein Röntgenbild, gibt es erst mal nur einen Überweisungsschein, und der Spaß geht wieder von vorne los.

„Dieser Prozess muss sich verändern, weil er zu einer schlechteren Behandlungsqualität führt.“

Ich bin der Meinung, dass wir diesen Prozess verändern und an die heutige Zeit anpassen müssen. Er muss sich verändern, weil er zu einer schlechteren Behandlungsqualität führt. Er muss ich verändern, weil er für die Patienten ausgesprochen unbequem ist. Er muss sich verändern, weil er die zunehmend knapper werdenden Fachressourcen im Gesundheitswesen mit unnötigen organisatorischen Aufgaben belastet. Und er muss sich verändern, weil er durch seine Ineffizienz die Versichertengemeinschaft viel zu viel Geld kostet.

In der Zukunft werden wir datenbasiert in die Lage versetzt werden, den für uns jeweils besten passenden Arzt herauszufinden. Ein Device – das kann ein Handy, eine Brille oder ein Sprachassistent sein – wird anhand von Daten, die es über uns und unsere Krankheitsgeschichte hat, und mithilfe von Symptomcheckern, sei es mit oder ohne Künstliche Intelligenz (KI), eine Vor-  oder Verdachtsdiagnose stellen können. Anhand dieser Verdachtsdiagnose wird es den richtigen Ansprechpartner, also die richtige Facharztrichtung oder einen anderen Behandler, vorschlagen. Das wird übrigens auch in Zukunft oft der Hausarzt sein.

Aber nicht nur das: Es wird in der Lage sein, aus mehreren Ärzten den für mich optimalen herauszusuchen. Dabei werden Daten wie Behandlungshäufigkeiten, Spezialisierung, wissenschaftliche Arbeiten, Qualitätsindikatoren und auch Patientenbewertungen eine Rolle spielen. Und wenn ich es wünsche, wird mein Device dann auch gleich einen für mich passenden Termin ausmachen können.

Mit immer besser werdender Sensorik, wie sie zum Beispiel in Ansätzen heute schon in Smartwatches verbaut ist, werden wir zudem mehr Frühwarnsymptome erkennen können. Die Devices können uns dann aufgrund der Daten warnen und einen Termin beim Arzt für uns vereinbaren. Vielleicht wird die Patientin oder der Patient zu einem vereinbarten Termin automatisch mit dem Taxi abgeholt, wenn das voreingestellt ist. Und wenn sie oder er angekommen ist, hat der Arzt bereits alle wichtigen Gesundheitsdaten vorliegen.

„Die Ärzte der Zukunft werden mehr Zeit für die Behandlung ihrer Patienten haben“

Wir kennen alle diese Standardfragen: Wie alt, groß, schwer sind Sie? Haben Sie Allergien, und welche Medikamente nehmen Sie? Dies zu fragen und zu beantworten, wird in Zukunft nicht mehr nötig sein, da die Daten zusammen mit allen Ergebnissen vorheriger Untersuchungen in einer digitalen Patientenakte vorliegen. Bei einer Verknüpfung mit anderen smarten Devices liegen dort auch die aktuellen Werte für Blutdruck, Blutzucker und so vieles mehr.

Da zudem die vorherigen Arztbriefe und Befunde nicht nur an einem zentralen Ort gespeichert sind, sondern eine KI diese auch nach relevanten Daten und Befunden durchsuchen wird, werden die Ärzte in der Zukunft weniger Zeit für die Suche nach Vorbefunden aufbringen müssen und mehr Zeit für die Behandlung ihrer Patienten haben, und die Qualität dieser Behandlung wird höher sein.

Reine Zukunftsmusik? Keineswegs, aus vielen anderen Bereichen unseres Lebens kennen wir ähnliche Prozesse und Angebote bereits; sie müssen nur auf das Gesundheitswesen übertragen werden.

Die eigentliche Revolution wird allerdings der nächste Schritt sein: In einer Weiterentwicklung der vorhandenen Symptomchecker und unter Nutzung der dann verfügbaren Daten sowie der vorliegenden Symptome erhält der Arzt von einer Künstlichen Intelligenz eine Einschätzung zu wahrscheinlichen Diagnosen sowie aktuelle Behandlungsempfehlungen. Am Ende wird der Arzt natürlich die Entscheidung treffen, aber es wird meiner Meinung nach in ein paar Jahren ein Kunstfehler sein, wenn ein Arzt vor einer Diagnose nicht noch einmal eine KI befragt. Diese wird den Arzt also nicht ersetzen, aber zu einem mächtigen Instrument in seinem Instrumentenkasten werden.

Durch optimierte Prozesse in der Behandlung profitieren also Patienten und Behandler. Gleichzeitig könnten wir damit aber im Gesundheitsbereich nicht nur jährlich einen Milliardenbetrag einsparen, wir könnten auch dafür sorgen, dass die  Gesundheitsberufe wieder attraktiver werden. Denn es ist meist nicht die Bezahlung alleine, die sich verbessern muss, sondern es sind in erster Linie die Arbeitsbedingungen. Die Digitalisierung wird dazu beitragen, dass das medizinische Personal weniger Zeit mit Organisation verbringen muss und mehr Zeit mit den Patienten verbringen kann.

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Jens Baas über das Selbstmanagement der Zukunft

Wir werden in der Zukunft auf eine andere Art von Monitoring und Daten zurückgreifen können, als es heute der Fall ist. Menschen werden deutlich häufiger Devices wie zum Beispiel eine smarte Brille oder Uhr tragen, die in der Lage sind, Vitalzeichen zu checken. Nicht nur die schon heute allgegenwärtige Schrittmessung, sondern relevante Parameter wie Puls, Blutdruck, Blutzucker und sogar Indizien für mentale Gesundheit. Die Devices werden kontinuierlich Daten erheben und können im richtigen Moment sagen: „Du solltest jetzt zum Arzt gehen.“

Je kontinuierlicher die Daten erfasst werden, desto deutlicher werden Unregelmäßigkeiten erkennbar. Dadurch können Menschen gewarnt werden, wenn sich zum Beispiel ihr individuelles Risiko für einen Herzinfarkt erhöht. Basierend auf diesen Daten werden die Menschen künftig sehr präzise und personalisierte Empfehlungen bekommen können, wie sie besser mit ihrer Gesundheit umgehen und zielgerichtet Prävention betreiben können. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, dass auch teure Präventionsmaßnahmen genutzt werden, weil sie statt „mit der Gießkanne“ dann sehr gezielt eingesetzt werden können.

In der Zukunft wird das Selbstmanagement zudem stärker in der Versorgung integriert sein. Aus dem Prinzip „ambulant vor stationär“ wird dann „digital vor ambulant vor stationär“. Wenn wir heute also zunächst prüfen, ob eine Behandlung in der Praxis statt im Krankenhaus stattfinden kann, werden wir in Zukunft in einigen Fällen die digitale Versorgung davor setzen. Die Menschen müssen dann nicht mit jedem Symptom sofort zum Arzt, sondern sie können vorher ein digitales Angebot, gegebenenfalls mit Künstlicher Intelligenz, zurate ziehen.

Ein Beispiel dafür ist die Videosprechstunde. Mit deren Einführung, inklusive einer möglichen telefonischen Krankschreibung in der Covid-Pandemie, haben wir gesehen, dass die digitale Versorgung in Deutschland angenommen wird. Es macht bei einfachen Atemwegsinfekten einfach keinen Sinn, sich morgens krank in die Arztpraxis zu schleppen, um auf dem Weg dorthin und im Wartezimmer noch andere anzustecken, nur um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten. Immer weniger Menschen haben in der heutigen Zeit Verständnis für solche analogen Prozesse.

„Mit den aktuellen Smartphones ist es ein Leichtes, ein ausreichend gutes Foto von einer Hautveränderung an den Dermatologen zu schicken“

Ein weiteres Beispielfeld, in dem heute schon digitale Angebote verfügbar sind, ist die Dermatologie. Mit den aktuellen Smartphones ist es ein Leichtes, ein ausreichend gutes Foto von einer Hautveränderung aufzunehmen, und das über einen gesicherten Weg (zum Beispiel eine App) an den Dermatologen zu schicken. Der kann häufig auf einen Blick erkennen, ob die Veränderung harmlos ist oder man zur weiteren Abklärung besser doch einmal einen Termin macht.

Und gerade in der bildgebenden Diagnostik ist mittlerweile auch die KI sehr gut und kann gegebenenfalls schon eine Voreinschätzung durchführen und hier den Arzt ersetzen.

Für das Selbstmanagement der Zukunft bedeuten diese Entwicklungen, dass wir im Jahr 2030 Krankheiten früher erkennen und auch spezifischer auswerten können, was mit unserem Körper nicht in Ordnung ist.

Jens Baas über die Revolution der Medizin

Wir erleben derzeit im Bereich der Medizin extreme Fortschritte. Ich gehe noch weiter: Ich glaube, es ist die größte Veränderung nach der Erfindung des Penicillins – die maschinelle Nutzung und Auswertung großer Mengen von Daten.

Die Auswertung des ersten menschlichen Genoms hat einmal Abermillionen von Dollar gekostet. Heute kann man sein Genom für ein paar 100 Dollar auswerten lassen, und es wird noch deutlich billiger werden. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass wir bald alle unser Genom auswerten lassen können, ist hoch.

Dabei fallen natürlich riesige Datenmengen an, die für die Medizin erst nutzbar werden (dann aber einen unvorstellbar wertvollen Schatz darstellen), wenn sie maschinell ausgewertet werden können.

„Die Auswertung großer Datenmengen wird dazu führen, dass neue Therapien zukünftig sehr viel schneller entwickelt werden können“

Es wird zudem immer besser möglich sein, das Verhalten von Molekülen im menschlichen Körper digital zu simulieren. Beides führt zu bisher ungeahnten Erkenntnissen über unseren Körper und über viele Krankheiten. Die medizinische Forschung wird schneller und kostengünstiger werden.

Heute sehen wir zudem erste Schritte, bei denen uns Daten bei einem stratifizierten Therapieansatz helfen. Wir können etwa bei einigen Krebserkrankungen voraussagen, ob eine Therapie bei einer bestimmten Krebsart und einem bestimmten Patienten erfolgversprechend sein wird oder nicht. Das ermöglicht nicht nur, die individuell beste Therapie vor Behandlungsbeginn herauszufinden, sondern erspart Patienten auch unnötige Therapieversuche mit einer für sie unwirksamen Chemotherapie mit aber dennoch zum Teil drastischen Nebenwirkungen, so wie das im heutigen „Trial and Error“-Ansatz leider noch zu oft der Fall ist.

Die Auswertung großer Datenmengen wird also dazu führen, dass neue Therapien zukünftig sehr viel schneller entwickelt werden können und dann zielgerichtet bei denen eingesetzt werden, denen sie auch wirklich helfen.

Jens Baas über den Arzt und die Maschine

Doktor und medizinischeAssistent Roboter Analyse und Testergebnis der DNA auf moderne virtuelle Schnittstelle, Wissenschaft und Technologie, innovativ und Zukunft der medizinischen Gesundheitsversorgung im Laborhintergrund

Vor 100 Jahren konnten Ärzte ihr Fachgebiet noch vollkommen überblicken: Spezialisten wussten in ihrem Bereich fast alles. Das ist heute nicht mehr möglich. Das medizinische Wissen ist mittlerweile so groß, dass kein Arzt der Welt alles auch nur über sein eigenes Fachgebiet wissen kann – und das, obwohl die Fachgebiete immer kleiner und spezieller werden.

Um den Patienten trotzdem eine Behandlung zu ermöglichen, die dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung entspricht, kommen wir am Einsatz der Künstlichen Intelligenz nicht vorbei. Sie wird den Ärzten das Wissen aus den großen medizinischen Datenbanken so aufbereiten, dass es im Praxisalltag zur Verfügung steht.

Ärzte werden durch Künstliche Intelligenz aber nicht überflüssig. Die medizinische Welt von morgen ist trotz des Einsatzes von KI keine entmenschlichte, sondern – im Gegenteil – eine, in der die Ärzte mehr Zeit haben werden, sich um die Patienten persönlich zu kümmern, ihnen Dinge zu erklären und mit ihnen die nächsten Behandlungsschritte zu besprechen.

Patienten brauchen keinen Arzt, der Röntgenbildern hinterhertelefoniert, Termine ausmacht oder zum 100. Mal nach Allergien fragt. Sie brauchen einen Arzt, der hilft. Wer krank ist, will jemanden um sich haben, dem er vertrauen kann – das ist selbstverständlich keine Maschine, sondern ein anderer Mensch. Dieser Mensch wird aber in der Zukunft ein weiteres Werkzeug zurate ziehen können. Das ist dann eben kein Stethoskop oder Computertomograf, sondern eine Künstliche Intelligenz.

Jens Baas über die Behandlung von Krebs

Wir werden große Fortschritte machen, aber ich fürchte, dass wir in absehbarer Zeit den Krebs noch nicht besiegt haben werden. Denn es gibt eben nicht den einen Krebs. Krebs ist eine tückische Erkrankung mit sehr vielen Gesichtern und vielen Variationen – das kann sogar bei ein und demselben Patienten, erst recht im Zeitverlauf, zutreffen.

Ich glaube aber, dass wir bei der Bekämpfung einiger Krebsarten deutliche Fortschritte machen werden. Denn auch der Kampf gegen Krebs ist ein Datenthema. Wenn ich mein Genom kenne und vielleicht auch das Genom des Tumors habe, und das mit Daten aus unzähligen anderen Behandlungen abgleichen kann, dann kann ich sehr viel gezielter therapieren.

Wie schon beschrieben, können wir das bei manchen Tumorarten heute schon. Hinzu kommen neue Ansätze, die gerade in den vergangenen Monaten bekannt wurden, weil sie auch bei den mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 zum Einsatz kommen. Auch hier stehen wir am Anfang einer sehr vielversprechenden Technologie. Wir werden also Krebsarten erleben, die in der Vergangenheit tödlich gewesen wären und dann heilbar oder zumindest in ein beherrschbares chronisches Stadium überführbar sind.

Aber ich fürchte, auch in zehn Jahren werden unsere Haupt-Todesursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tumorerkrankungen sein – obwohl wir bessere Methoden und bessere Prävention kennen.

Jens Baas über unsere Lebenserwartung

Ein langes und gesundes Leben ist ein ewiger Menschheitstraum. Je besser wir in der Vergangenheit den menschlichen Körper und unsere Umwelt verstanden haben, desto größer wurde auch unsere Lebenserwartung.

Stehen wir, wie es manche vermuten, heute am Anfang einer Wissensexplosion in der Medizin, könnte unsere oder zumindest die nächste Generation deutlich älter werden als wir heute. Ewiges Leben wird zwar wohl Science-Fiction bleiben – und das ist auch gut so. Aber wenn wir diesen Weg weiterverfolgen, haben wir durchaus die Chance, als Gesamtbevölkerung in absehbarer Zukunft ein Durchschnittsalter von über 100 Jahren zu erreichen.

Jens Baas über die Tücken des Datenschutzes

ein Arzt hält ein Interface, mit dem ein Roboter-Arm interagiert

Ich bin ein sehr großer Befürworter eines strengen Datenschutzes. Das gilt noch stärker im Gesundheitswesen, wo wir es mit sehr sensiblen Daten zu tun haben. Diese Daten müssen erheblich besser geschützt werden als viele andere. Gleichzeitig steht ein übertriebener Datenschutz vielen Entwicklungen im Wege, die wir im Bereich der Digitalisierung jetzt unbedingt angehen müssen.

In Deutschland haben wir eine merkwürdige Einstellung zum Schutz von Gesundheitsdaten entwickelt: Das Recht auf Datenschutz wird vereinzelt über das Recht auf Gesundheit gestellt. Selbst wenn ein Leben auf dem Spiel steht, kann der Datenschutz verhindern, dass einem Menschen geholfen wird.

Ein Beispiel: Bei den Krankenkassen liegen Abrechnungsdaten vor, die zeigen, welche Medikamente ihre Versicherten einnehmen. Wir wissen auch, welche Medikamente nicht in Kombination miteinander genommen werden dürfen. Wenn ein Patient zwei solcher Medikamente von zwei verschiedenen Ärzten verschrieben bekommt, darf die Krankenkasse aber nicht proaktiv eingreifen. Aus Datenschutzgründen darf sie diese Daten nicht abgleichen und ihre Versicherten warnen, wenn sie eine schädliche oder sogar potenziell tödliche Arzneimittelkombination einnehmen.

Wir sollten daher in Deutschland anfangen, eine Debatte über den Schutz von Gesundheitsdaten zu führen. Wenn wir die Hürden zu hoch setzen und an Grundsätzen wie der Datensparsamkeit blind festhalten, werden wir in der Digitalisierung nicht vorankommen. Eine Verbesserung des Selbstmanagements funktioniert nur, wenn ich Daten dafür habe. Forschung führt in Zukunft nur zum Erfolg, wenn Daten ausgewertet werden können. Und auch moderne Versorgung wird in Zukunft verwertbare Daten benötigen.

„Ein Zahlendreher reicht, und sensible Informationen landen beim nächsten Pizzaservice“

Das Kuriose an der Diskussion ist, dass wir im Digitalen einen viel höheren Standard verlangen, als es im Analogen der Fall ist. Denn es werden noch immer Befunde per Fax verschickt. Nicht nur, dass hier ein Zahlendreher reicht, und diese sensiblen Informationen landen beim nächsten Pizzaservice (soweit der noch über diese alte Technologie verfügt). In vielen Praxen liegen die Daten dann offen herum.

Ein weiteres Beispiel ist der klassische Brief per Post. Es ist ein Leichtes für jeden Postboten, einen Brief zu öffnen, oder für den neugierigen Nachbarn, ihn aus dem Briefkasten zu fischen. Die Anforderungen des Datenschutzes an einen „digitalen Brief “ sind, dass es technisch nahezu unmöglich ist, ihn unbefugt zu öffnen. Übertragen auf die Briefpost würde das bedeuten, dass jeder Postbote die Sendungen in einem mehrfach verschlüsselten Safe überbringen müsste, der sich eventuell noch selbst zerstört, wenn man die falsche Kombination eingibt.

Gesundheitsdaten müssen besonders geschützt werden. Aber wenn wir es nahezu unmöglich machen, an diese Daten heranzukommen oder mit ihnen zu arbeiten, werden uns diese Daten nichts nützen. Mit der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) haben wir schon ein sehr gutes Instrument, um diese beiden Interessen auszubalancieren. So finden wir in anderen europäischen Ländern wesentlich besser digitalisierte Gesundheitssysteme vor. Nur in Deutschland haben 17 Datenschützer offenbar andere und unterschiedliche Auffassungen, wie man diese Verordnung auslegt, und blockieren somit oft diese wichtigen Entwicklungen.

Übertriebener Datenschutz bremst die Digitalisierung aus. Entwickeln wir unser Gesundheitssystem aber nicht weiter, werden wir eine schlechte Versorgung und ein teures sowie ineffizientes Gesundheitssystem haben.

Dazu kommt ein ganz neues Problem: In einer globalisierten und vernetzten Welt werden wir Gesundheitsangebote von internationalen Tech-Unternehmen bekommen, die dann diese Daten weitab der DSGVO speichern, verwerten und kommerzialisieren werden. Denn wir sehen in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Navigationsdiensten, dass vielen Menschen der Datenschutz nicht so wichtig ist, wenn sie die Daten für eine gute Anwendung hergeben. Analog gilt das auch für das Gesundheitswesen: Wenn ein Tech-Konzern ein gutes digitales Gesundheitsangebot anbietet, wird es Menschen geben, die es nutzen werden – ungeachtet dessen, wie die eigenen Daten benutzt werden.

Wir sollten in Deutschland (und in ganz Europa) Datenschutz nicht als eine große Hürde verstehen, sondern als Chance. Dabei sollten wir eine Risiko-Nutzen-Abwägung nicht aus den Augen verlieren und die Anforderungen der analogen und der digitalen Welt angleichen. Die DSGVO gibt uns bereits die Möglichkeit, die Digitalisierung im Gesundheitswesen weiterzuentwickeln. Wir müssen die Vorschriften jedoch auch praxisnah auslegen.

Jens Baas über Dr. Amazon

Internationale Tech-Unternehmen, ob sie nun aus den USA kommen oder aus Ländern wie China, haben längt den lukrativen Gesundheitsbereich für sich entdeckt und investieren Milliardensummen. Wenn sie ihre Produkte und Services auf den deutschen Markt bringen, haben wir jedoch nicht nur ein Problem mit dem Datenschutz. Denn diese kommerziellen Anbieter stellen ihr Streben nach Profit immer über alle anderen Interessen, und sie haben in der Vergangenheit schon mehrfach gezeigt, dass sie ganze Branchen und Industriezweige grundlegend verändern können.

Wir müssen also unbedingt sicherstellen, dass diese Unternehmen nur zu unseren (Datenschutz-)Bedingungen auf den deutschen Markt kommen, und wir gleichzeitig die grundlegenden Errungenschaften unseres Sozialsystems (vor allem den garantierten Zugang zu einer guten Versorgung unabhängig von Einkommen und Vorerkrankungen) verteidigen. Schaffen wir das nicht, besteht die Gefahr, dass wir in Zukunft ein rein kommerziell ausgerichtetes Gesundheitssystem haben, dass zudem durch eben diese Konzerne gesteuert wird.

Eine Stärke dieser Konzerne ist, dass sie Prozesse identifizieren, die schlecht laufen, und dafür gute digitale Prozesse anbieten. Das Geschäft machen sie meistens mit den gewonnenen Daten. Wenn wir im Zukunftsszenario, das ich am Anfang skizziert habe, unser Device nach einem Arzt oder einer Klinik fragen, wird ein Tech-Konzern unter Umständen nicht den medizinisch besten Arzt oder die beste Klinik für mich heraussuchen, sondern vielleicht diejenigen, die Werbung geschaltet haben, oder die exklusive Medikamente von jenem Konzern verschreiben. Was wir heute schon beim Online-Shopping erleben, finden wir dann auch im Gesundheitssystem: Tech-Konzerne steuern über Algorithmen, welche Anbieter wir nutzen und welche Produkte wir kaufen.

Viele entgegnen mir dabei, dass wir in Deutschland ja einen regulierten Gesundheitsmarkt haben und so ein Szenario hier nicht eintreten kann. Dann erinnere ich gern an einen großen Digitalkonzern, der einst mit dem Versand von Büchern angefangen hat – ein in Deutschland ebenfalls sehr regulierter Markt.

Um es einmal deutlich zu sagen: Ich bin gar nicht dagegen, dass diese Unternehmen digitale Angebote machen. Aus dem Silicon Valley kommt eine ungeheuer große Innovationskraft, die wir gern für das Gesundheitssystem nutzen würden. Wir müssen nur aufpassen, dass am Ende nicht ein einzelner oder wenige Anbieter die Schlüsselstelle allein besetzen und damit die Gesundheitsdaten der Versicherten besitzen.

Zum Problem wird das, wenn Patienten und Versicherte benachteiligt werden. Wenn jemand eine bessere Versorgung bekommt, weil er ein gutes Risiko hat – also entweder gesund ist oder unter einer Krankheit leidet, die lukrativ ist, während jemand mit einer bestimmten Erbkrankheit benachteiligt wird.

Wir müssen uns fragen: Wollen wir die Digitalisierung unseres Gesundheitswesens einem internationalen Tech-Konzern überlassen, oder können wir die Entwicklung so gestalten, dass wir zu fairen Bedingungen vom Fortschritt profitieren, ohne die zentralen Werte und Errungenschaften unsere Solidarsystems aufzugeben oder zuzulassen, dass sie untergraben werden?

Jens Baas über Gewinner und Verlierer

Wir werden einen viel stärkeren Qualitätswettbewerb sehen, als das heute der Fall ist. Denn Digitalisierung bedeutet auch immer Transparenz. Und wenn Qualität transparenter wird, werden sich schlechte Leistungserbringer nicht mehr verstecken können, sondern gezwungen werden, sich zu verbessern. Das heißt, es wird individuelle Gewinner und Verlierer geben.

Ich würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass das auf ganze Branchen zutreffen wird. Sie werden sich jedoch verändern müssen. Apotheken und die Krankenhaus-Landschaft werden anders aussehen als heute. Das Gesundheitssystem wird sich stark verändern, und die Menschen werden ebenso stark davon profitieren – das gilt für die Menschen, die in dem System arbeiten, genauso wie für die Patienten, die auf das System angewiesen sind.

Zu sagen, dass man keine Veränderung will, ist keine Option, denn wer in der Zukunft nichts verändert, verliert. Deswegen rate ich allen: Je mehr Angst du hast, desto mehr musst du dich verändern. Daran führt kein Weg vorbei.

Jens Baas über Schockzustände

Veränderungsbereitschaft wird meistens durch eine Krise oder einen Schockzustand herbeigeführt. Nehmen wir den Personalmangel im Gesundheitssystem. Die Menschen merken auf einmal: Da ist kein Hausarzt mehr in meiner Nähe. Oder: Wenn ich im Krankenhaus liege, kann ich klingeln, so viel ich will, es kommen keine Krankenpfleger, weil sie einfach viel zu wenig Zeit für mich haben.

Eine weitere schmerzliche Erfahrung werden wir in den nächsten Jahren zunehmend machen: Die Menschen werden merken, dass im Ausland all die Dinge funktionieren, die bei uns nicht mehr funktionieren. Sie werden aus dem Urlaub zurückkommen und ihren Freunden sagen: „Ich war gerade in Israel, da funktioniert die Versorgung super.“ Oder: „Du, ich war in Helsinki, da läuft alles digital!“

Die Menschen in Deutschland werden das auch wollen. Warum geht das im Ausland und bei uns nicht? Warum ist unser System so veraltet (analog)? Heute fällt es noch nicht so deutlich auf, wie einfach administrative Prozesse in einigen Ländern schon funktionieren – während man hier im Bürgeramt anrufen muss, um einen Termin in drei Monaten zu bekommen. Ein Prozess, den man eigentlich problemlos vom Sofa aus erledigen kann.

Deutschland ist das Land der Innovation, der Techniker, der Tüftler. Wir dürfen nicht ausgerechnet bei Gesundheitsthemen hinter den Rest der Welt zurückfallen – auch wenn im Moment genau das droht. Wenn es uns aber gelingt, hier rechtzeitig das Ruder herumzureißen, dann, da bin ich mir sicher, werden wir ein goldenes Zeitalter der medizinischen Innovationen erleben, von denen wir dank eines stabilen Gesundheitssystems auch alle profitieren können.

Zur Person

Porträt von Jens Baas, Vorstands-Chef der Techniker Krankenkasse

Dr. Jens Baas

ist seit 2012 Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse. Zuvor war er Partner und Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Seine Schwerpunkte lagen in der Arbeit mit Leistungserbringern, der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie. Sein Studium der Humanmedizin absolvierte er an der Universität Heidelberg und der University of Minnesota