Alle auf einen Stand bringen

Die Vernetzung aller Leistungserbringer im Gesundheitswesen ist Grundvoraussetzung für die Digitalisierung des Sektors. Wie sie gelingen kann und voran es hakt – darüber diskutierten Expertinnen und Experten beim BIG BANG HEALTH 2022.

Inhalte
Gastbeitrag zum digitalen Wandel im Gesundheitswesen

Vier Erfolgsfaktoren für die Transformation

Im Gesundheitswesen arbeitet eine Vielzahl von Akteuren mit sehr unterschiedlichen digitalen Set-ups zusammen. Und genau das stellt die Branche bei der dringend notwendigen digitalen Transformation vor Herausforderungen, betont Mark Steinbach, Geschäftsführer der opta data Gruppe. Er beschreibt vier Erfolgsfaktoren für die Vernetzung und Digitalisierung.

Bevor über die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen gesprochen werden kann, muss man sich zunächst einmal ein klares Bild darüber verschaffen, was Digitalisierung in der Branche überhaupt genau bedeutet.

Mark Steinbach, Geschäftsführer von opta data

Mark Steinbach: Der Diplom-Kaufmann ist seit 2005 Geschäftsführer der opta data Gruppe. Er führt die Unternehmensgruppe gemeinsam mit Andreas Fischer. In seiner Keynote beim BIG BANG HEALTH-Festival 2022 sprach Steinbach darüber, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit die Transformation des Gesundheitssektors gelingen kann

Den gesamten Versorgungspfad im Fokus

Im Kern geht es darum, Kollaboration zwischen den unterschiedlichen Beteiligten zu ermöglichen. Diese lassen sich klaren Sektoren oder Stakeholder-Gruppen zuordnen. Das sind die Patientinnen und Patienten, die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen und Kliniken, die Apotheken, die diversen Gesundheitsberufe – etwa Heilmittel- und Hilfsmittelanbieter, Pflegedienste, Krankentransport und Rettungsdienst – sowie die Kostenträger. 

Es geht also im Grunde um den vollständigen Versorgungspfad im Sinne einer Wertschöpfungskette im Gesundheitswesen. Gerade der ärztliche Sektor – ob ambulant oder stationär – steht seit vielen Jahren im Fokus, weil dort der Rahmen für die gesamte Versorgung abgesteckt wird. Aber auch die nachfolgenden Stakeholder in dieser Wertschöpfungskette sind für die Erbringung der Leistungen für die Patientinnen und Patienten wichtig. Und bei denen kommt der Nutzen der Digitalisierung erst dann an, wenn alle beteiligten Leistungserbringerinnen und Leistungserbringer an die digitalen Austauschprozesse angebunden sind.

Große Unterschiede beim Stand der Digitalisierung

Wenn diese Stakeholder-Gruppen nun alle effizient miteinander arbeiten sollen, tut sich schnell ein Problem auf: Der digitale Status quo könnte unterschiedlicher nicht sein.

So finden wir bei der Gruppe der Patientinnen und Patienten noch sehr unterschiedliche Voraussetzungen im Hinblick auf die Nutzung digitaler Angebote vor. Wir beobachten deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen.

Bei Ärztinnen und Ärzten sind sowohl in den Praxen als auch in Kliniken häufig große IT-Landschaften im Einsatz, die allerdings eine geringe Kompatibilität aufweisen und untereinander häufig nicht kommunizieren können. Ähnlich sieht es in den Apotheken aus.

Bei den Leistungserbringern der Gesundheitsberufe zeigt sich ein stark heterogenes Bild. Sanitätshäuser oder Medizintechnikbetriebe beispielsweise sind häufig sehr große Organisationen, die klare Prozesse definiert haben und in denen digitale Workflows effizient etabliert sind. In anderen Bereichen, beispielsweise bei Therapeuten, ist der Einsatz digitaler Lösungen häufig nicht so verbreitet.

Krankenkassen wiederum haben zwar große IT-Landschaften, aber die Gesetzgebung gibt häufig noch ein papierbasiertes Arbeiten vor, wodurch digitale Prozesse nicht möglich sind.

Telematik-Infrastruktur garantiert technologischen Mindeststandard

Aufgrund dessen ist eine digitale Kommunikation aller Stakeholder im Gesundheitswesen aktuell noch sehr schwerfällig. Insofern brauchen wir dringend eine stärkere Vernetzung, den Brückenbau zwischen den Stakeholdern. Das soll die Telematik-Infrastruktur (TI) leisten. Denn damit überhaupt eine übergreifende Zusammenarbeit einer kritischen Masse unter den Akteuren der verschiedenen Sektoren möglich ist, benötigen diese einen technologischen Mindeststandard und funktionierende Schnittstellen zwischen den Informationssystemen.

Ein erster Erfolgsfaktor für die Digitalisierung ist daher die Identifikation besonderer Anforderungen der einzelnen Akteure beziehungsweise Berufsgruppen an die digitale Kommunikation. Dann wird auch der Wille aufkommen, die Digitalisierung lokal und individuell schnell voranzutreiben.

Zweiter Erfolgsfaktor sind Gesetzesinitiativen wie das Digitale-Versorgung-Gesetz oder das Patientendaten-Schutz-Gesetz. Wir benötigen in Deutschland eine konsequente Ausrichtung auf den Patientennutzen. Wenn es gelingt, dass wir den Endkunden – also die Patientin und den Patienten – in den Fokus nehmen, dann werden alle Stakeholder im Gesundheitswesen das gleiche Ziel verfolgen. Und dann wird es auch gelingen, dass sich der Nutzen für Patientinnen und Patienten in jeder Dienstleistung, in jedem Produkt in der Wertschöpfungskette widerspiegelt.

Logo des Big Bang HEALTH mit Playbutton

Mehr im Video! Schauen Sie sich jetzt die gesamte Keynote von Mark Steinbach, Geschäftsführer der opta data Gruppe, beim BIG BANG HEALTH 2022 an

Austausch der Stakeholder ist das A und O 

Die Stakeholder müssen miteinander in den Austausch kommen. Das ist der Kernpunkt. Daher der dritte Erfolgsfaktor: Wir müssen die Systeme miteinander vernetzen. Das geschieht über Interoperabilität – über eine sichere Datenautobahn, die jeder Stakeholder im deutschen Gesundheitswesen nutzen kann – und über die Einführung sektorübergreifender Nomenklaturen. Denn Sektorengrenzen können besonders einfach überwunden werden, wenn eine gemeinsame Sprache genutzt wird. Der Aufbau und der Anschluss an die TI erfolgen nun sukzessive. Sie bietet aber noch viele Potenziale, denn heute finden noch viel zu wenige nutzbringende Anwendungen, gerade aus Sicht der Stakeholder, in der TI statt.

Der vierte Erfolgsfaktor: Wir dürfen nicht statisch bleiben, sondern müssen bereit für Veränderungen sein. Patientinnen und Patienten durchlaufen verschiedene Lebensphasen, in denen sie unterschiedliche Bedürfnisse haben. Das bietet viele Ansatzpunkte für digitale Lösungen.

Alle vier Erfolgsfaktoren zusammen ergeben das Zielbild für eine erfolgreiche Digitalisierung im Gesundheitswesen. Unser Ziel lautet: Der Patient steht im Mittelpunkt, und alle Akteure sind um ihn herum im Austausch, haben den gleichen Wissensstand, betreuen den Patienten von der Geburt bis ins hohe Alter und werden so zum Lebensbegleiter. Der Weg zu dieser umfassenden Vernetzung ist allerdings noch weit.

Telematik-Infrastruktur, ePA, E-Rezept

So gestaltet die gematik die Zukunft mit

Die Transformation des Gesundheitswesens ist in vollem Gange. Doch rund läuft es noch nicht; an einigen Stellen hakt es. Deutschland hinkt im weltweiten Vergleich hinterher – das lässt sich unter anderem an der Implementierung einer elektronischen Identität (e-ID) erkennen.

Dr. med. Markus Leyck Dieken: Der Internist und Notfallmediziner ist seit 2019 Alleingeschäftsführer der gematik

Wie die e-ID das Gesundheitswesen verändern könnte, weiß Dr. med. Markus Leyck Dieken. Der gematik-Geschäftsführerist so etwas wie der Chef-Digitalisierer des hiesigen Gesundheitswesens: Er verantwortet den Aufbau der Telematik-Infrastruktur (TI) – also der technischen Basis für die Vernetzung aller Leistungserbringer – sowie die Einführung der elektronischen Patientenakte und des E-Rezepts.

In seiner Keynote beim BIG BANG HEALTH-Festival in Essen sprach er über den Status quo und gab spannende Insights zu dem, was die Zukunft der Medizin auszeichnen wird:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden




Videocredit: Getty Images/VectorFusionArt

Bildcredits: Big Bang Health/Caroline Schlüter, Big Bang Health/Michael Schwettmann, Getty Images/ipopba

Folgen Sie uns

Facebook LinkedIn Youtube
Anzeigen