Illustration zu Energieknappheit zeigt ein Windrad, das von einer Person angepustet wird
19.08.2022    Daniela Schäfer
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Die Coronakrise ist noch nicht überwunden, da hat sich eine nicht minder große Herausforderung ergeben, die das Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele erschwert. Im Ukraine-Krieg blockierte Russland monate­lang Getreideexporte, was laut UN zu einer beängstigenden Lebensmittelknappheit geführt hat. Das Recht auf hochwertige Bildung kann kaum gewahrt werden, wenn Hunderttausende ukrainische Kinder und Jugendliche nicht regelmäßig zur Schule gehen können.

Für die deutsche Wirtschaft steht aktuell die Abhängigkeit von russischem Gas im Fokus. Robert Werner, Mitgründer des Hamburg Instituts, das zu Nachhaltigkeit forscht und berät, über die Herausforderungen, vor denen Unternehmen nun angesichts der drohenden Energieknappheit stehen.

Zur Person

Porträt Robert Werner

Robert Werner

gehört zu den Gründern des Hamburg Instituts und ist Geschäftsführer von Greenmiles. Er berät Unternehmen und Kommunen auf dem Weg zur Klimaneutralität

Inwieweit gefährdet die drohende Energieknappheit die Nachhaltigkeitsbestrebungen deutscher Unternehmen?

Robert Werner: Auf der einen Seite muss der Austausch von Erdgas als Brennstoff noch viel schneller erfolgen, auf der anderen Seite kommen mit dem Krieg Lieferketten von Produkten durcheinander, die für diese Beschleunigung des Brennstoffwechsels von großer Bedeutung sind: Wärmepumpen, Fotovoltaik­module und Batterien. Die krasse Abhängigkeit von Russland bei der Gasversorgung bewirkte auch ein Ende der Sorglosigkeit bezüglich der Abhängigkeit von anderen totalitären Staaten wie zum Beispiel China, das gerade in den Bereichen Batteriespeicher und Fotovoltaikmodule den Weltmarkt dominiert.

Wie können Firmen darauf reagieren?

Werner: Aktuell müssen sie zwischen kurzfristigen Gefährdungen und längerfristigen Änderungen der Nachhaltigkeitsstrategie unterscheiden. Die Befürchtung ist, dass mit der Unterbrechung der Produktion die Kunden weg sind und bei Wiederherstellung der Gasversorgung durch LNG die Preise so hoch bleiben, dass nicht mehr wettbewerbsfähig produziert werden kann. Das wäre dann eine Dekarbonisierung durch Deindustrialisierung, die dem Klima nicht helfen ­würde und erhebliche soziale Folgen für Deutschland hätte.

Was können Firmenlenker jetzt tun, um ihre Klimaschutzziele nicht aus den Augen zu verlieren?

Werner: Die Roadmaps für Reduktionsziele kommen unter Umständen durch lange Lieferzeiten für Wärme­pumpen, Ökostrom und Low-Carbon-Vorprodukte durcheinander. Das muss nicht zwangsweise zu Verzögerungen beim Klimaziel insgesamt führen, die Planbarkeit wird aber in jedem Fall leiden. Wir müssen deshalb die Fokussierung auf jahresscharfe Zwischenziele zugunsten eines Ansatzes lockern, der da heißt, dass alle machbaren Maßnahmen unverzüglich und mit noch höherem Ressourceneinsatz als bisher begonnen werden. Industriebetrieben mit gasbasierten Anwendungen im Hochtemperaturbereich raten wir allerdings fallweise tatsächlich zum Abwarten beziehungsweise zum Auf-Sicht-Fahren, um Stranded Investments zu vermeiden.

Welche Chancen, aber vielleicht auch Risiken ergeben sich aus der nun noch dringender notwendigen Energiewende?

Werner: Die Engpassfaktoren der Energiewende sind nicht mehr fehlende Technologiereife oder Finanz­mittel, sondern die Flächenverfügbarkeit, die Dauer der Genehmigungsverfahren und die Produktionskapa­zitäten für erneuerbare Energien. Darauf muss sich die Politik konzentrieren und zum Beispiel den Weg für den großflächigen Einsatz von Fotovoltaik über landwirtschaftlich genutzten Flächen freiräumen. Ebenso braucht es endlich einen Wumms beim Aufbau von Speicherkapazitäten – sowohl im Strom- als auch im Wärmebereich.

Welche weiteren Rahmenbedingungen sind dafür grundsätzlich nötig?

Werner: Ein besonderes Thema wird die Flexibilisierung der Wasserstoffstrategie sein. Denn mit einer ­neuen, wertebasierten „Energieaußenpolitik“ werden einige potenzielle Lieferländer unter Umständen wegfallen. Zusätzlich fällt die Ukraine als eine der größten vorgesehenen Säulen der europäischen Wasserstoffproduktion kurzfristig aus. Die Politik sollte deshalb die noch zehn bis 15 Jahre andauernde Knappheit von Wasserstoff aktiv steuern und für einen konsequenten Einsatz der wenigen Mengen im industriellen Hochtemperaturbereich sorgen. Hier ist ein Ersatz von Gas am herausforderndsten – nicht zuletzt, weil Biogas ebenso knapp und teuer bleiben wird.

19.08.2022    Daniela Schäfer
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