Erhebung im Finanzsektor

New-Work-Studie: Ist das Ende der alten Welt nah?

Bei den einen ist New Work seit Jahren fester Bestandteil der Unternehmenskultur; anderen wurden erst durch die Pandemie die VorzĂŒge dieses Konzepts bewusst. DUP UNTERNEHMER und das DISQ haben analysiert, wie es um New-Work-Vorhaben im Bereich Finanzdienstleistung steht.

23.06.2021

Selbstbestimmt soll Arbeit sein, persönliche Freiheiten bieten. Und man solle ausschließlich der Arbeit nachgehen, die man wirklich machen will. Das waren ursprĂŒnglich die zentralen Punkte von New Work – einem Konzept, das der kĂŒrzlich verstorbene österreichisch-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann Ende der 1970er-Jahre entwickelte.

In der unternehmerischen Praxis wird New Work heute anders – sprich: deutlich weniger radikal – als in Bergmanns Vision ausgelegt. Denn um das „Wollen“ oder eben „Nichtwollen“ geht es dabei nicht. Der Begriff New Work bezeichnet inzwischen die Art und Weise, wie Menschen in einer zunehmend digitalisierten Welt zusammenarbeiten, wie die Arbeitsumgebung gestaltet ist und welche FĂŒhrungsstruktur besteht. In der Praxis heißt das meist, Arbeitsort und Arbeitszeit können – halbwegs – flexibel an die individuellen BedĂŒrfnisse angepasst werden; Hierarchien sind flach, um Entscheidungswege zu verkĂŒrzen und den Mitarbeitenden eigenverantwortliches Arbeiten zu ermöglichen.

New Work – der neue Standard

SpĂ€testens seit Beginn der Coronapandemie wird das Konzept breit diskutiert. „New-Work-Projekte haben wĂ€hrend der Pandemie ihre Effizienz bewiesen – fĂŒr Konsumenten, Mitarbeiter und Unternehmen“, sagt Professor Peter Wippermann, New-Work-Experte und GrĂŒnder der Trendforschungsagentur TrendbĂŒro. „New Work wird im Next Normal zum Standard.“ Es gelte: mehr FlexibilitĂ€t, mehr Mitarbeiterzufriedenheit, mehr kollaborative Software, mehr Erfolg.

Um einen Eindruck vom Status quo der neuen Art der Arbeit im Finanzdienstleistungsbereich zu bekommen, hat das Deutsche Institut fĂŒr Service-QualitĂ€t (DISQ) in Kooperation mit der Plattform DUP UNTERNEHMER New-Work-Angebote und -Projekte unter die Lupe genommen. Bewertet wurden diese im Hinblick auf

  • den Innovationsgrad der Maßnahmen,
  • den Nutzen fĂŒr das Unternehmen,
  • den Nutzen fĂŒr Mitarbeitende und
  • die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Angebot die AttraktivitĂ€t des Arbeitgebers insgesamt steigert.

„Das Ziel der umfangreichen Erhebung war es, die Arbeitgeber der Zukunft zu finden, die sich im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter durch umfassende New-Work-Services und innovative Konzepte in der Mitarbeitergewinnung und -bindung auszeichnen“, sagt Markus Hamer, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Marktforschungsinstituts DISQ.

HandlungsspielrÀume schaffen

Ein zentrales Ergebnis der Erhebung: Angebote wie Homeoffice, flexible Arbeitszeitgestaltung, betriebliche Altersvorsorge oder regelmĂ€ĂŸige Fortbildungen sind im Finanzdienstleistungssektor selbstverstĂ€ndlich. Sogar gut die HĂ€lfte der Unternehmen bietet DienstfahrrĂ€der an, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine nachhaltigere MobilitĂ€t zu ermöglichen. 

Und wie sieht es abseits solcher Angebote aus, die Angestellte direkt in Anspruch nehmen können? Ein Blick auf FĂŒhrungsverhalten und Strukturen zeigt: Rund 80 Prozent der Unternehmen stĂ€rken die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und geben ihnen entsprechende HandlungsspielrĂ€ume; knapp 80 Prozent fördern das abteilungsĂŒbergreifende Teamwork.

Wer hat die Jury besonders ĂŒberzeugt?

Elf Unternehmen haben DISQ und DUP am Ende ausgezeichnet (siehe rechts). Drei Unternehmen konnten Jurymitglied Wippermann besonders ĂŒberzeugen: die Versicherer Axa und DEVK sowie der Finanzvertrieb Dr. Klein.

„Axa hat frĂŒh angefangen, das gesamte Unternehmen konsequent auf eine neue agile Arbeitskultur einzustellen, und wurde wĂ€hrend der Coronakrise dafĂŒr belohnt“, sagt Wippermann. Das Axa-Projekt „New Way of Working“ zeichnet sich durch die gleichzeitige BerĂŒcksichtigung der Aspekte Arbeitsumgebung, technische Ausstattung samt kollaborativer Software sowie Kultur und FĂŒhrungsverhalten aus. Das bedeutet unter anderem, dass es keine EinzelbĂŒros gibt und alle ArbeitsvorgĂ€nge weitgehend digitalisiert sind. Messbarer Nutzen entsteht durch Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit, mehr FlexibilitĂ€t und NĂ€he zur FĂŒhrungsebene. Wippermann nennt das Axa-Projekt das â€žĂŒberzeugendste Ergebnis im Test“.

Abschied von Hierarchien

Bei Dr. Klein wurde im ganzen Unternehmen Holakratie eingefĂŒhrt. In der Praxis heißt das: Hierarchien existieren nicht mehr. Das ermöglicht selbstorganisiertes Arbeiten. „Dr. Klein hat New Work hervorragend genutzt, um die Kunden in den Mittelpunkt aller Projekte zu stellen“, so Wippermann. Denn Ziel der Umstellung auf Holakratie war es auch, noch anpassungsfĂ€higer zu werden, indem Entscheidungsprozesse beschleunigt werden, wodurch man schneller auf sich Ă€ndernde Marktbedingungen reagieren sowie mit den KundenwĂŒnschen Schritt halten kann.

„Eine echte Innovation im Rahmen von New Work ist das Modell ‚Zeitspende‘ der DEVK“, betont Wippermann. Das Projekt ermöglicht Arbeitszeitspenden zwischen Mitarbeitenden, um notwendige FreirĂ€ume beispielsweise zur Betreuung von Kindern und pflegebedĂŒrftigen Angehörigen zu schaffen. Mitarbeitende, die diese Zeitspende nutzen, können dadurch keine Minusstunden aufbauen; Angestellte, die Zeit spenden, zeigen ein hohes Maß an SolidaritĂ€t.  

New-Work-Studie: Das sind die Sieger

Zwischen Dezember 2020 und April 2021 hat das Deutsche Institut fĂŒr Service-QualitĂ€t 673 Unternehmen im Finanzdienstleistungssektor zu ihren New-Work-Projekten und -Angeboten befragt. Folgende elf Unternehmen konnten die Jury rund um den New-Work-Experten Peter Wippermann besonders ĂŒberzeugen.

New Work in der Finanzdienstleistung – Projekte und ­Angebote*


PreistrÀger (alphabetisch) Projektname
Axa New Way of Working (NWoW)
BNP Paribas New Ways of Working
DekaBank myDekaApp
DEVK DEVK-Zeitspende
DKB Deutsche Kreditbank FlexWork und Vertrauensarbeitszeit
Dr. Klein EinfĂŒhrung von Holakratie im Unternehmen
Grenke JOIN GRENKE Onboarding-Projekt
Hanseatic Bank Pitch-Methode fĂŒr ĂŒbergreifende Themen

*Ausgezeichnet wurden Unternehmen, deren New-Work-Projekt und New-Work-Angebot mindestens 70,0 Punkte erreicht haben und somit jeweils mindestens im „guten“ Bereich eingeordnet wurden. 100,0 – 80,0 Punkte = sehr gut; 79,9 – 70,0 Punkte = gut; 69,9 – 60,0 Punkte = befriedigend; 59,9 – 40,0 Punkte = ausreichend; 39,9 – 0,0 Punkte = mangelhaft

New Work in der Finanzdienstleistung – Projekte*


PreistrÀger (alphabetisch) Projektname
LVM Betriebliches Gesundheitsmanagement fĂŒr den gesamten Außendienst
Santander New Work/Next Normal
Sparda-Bank Berlin Projekt Neue Arbeitswelten

*Ausgezeichnet wurden New-Work-Projekte, die in der Bewertung mindestens 70,0 Punkte erreicht haben und somit mindestens im „guten“ Bereich eingeordnet wurden. 100,0 – 80,0 Punkte = sehr gut; 79,9 – 70,0 Punkte = gut; 69,9 – 60,0 Punkte = befriedigend; 59,9 – 40,0 Punkte = ausreichend; 39,9 – 0,0 Punkte = mangelhaft