Bild einer Hand mit gespreizten Daumen
25.06.2021    Miriam Rönnau
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Technologie

Super-App „YOU“ startet Beta-Phase

Der ehemalige Musikproduzent Michael Münzing will mit der App „YOU“ Marketing auf eine neue Stufe heben – und sich so gleichzeitig gegen große US-Plattformen behaupten, deren Geschäftsmodell auf der Sammlung von Daten beruht. Wie sein Plan aussieht und welche Rolle Gamifikation dabei spielt.

An einem Sonntagnachmittag durch die Stadt flanieren, vielleicht einen Becher Kaffee in der einen, das Smartphone in der anderen Hand. Und plötzlich steht da dieses rote Auto. Ein Neuwagen aus dem Luxussegment. Der Wert: rund 80.000 Euro. Gerade neu am Markt. Und das Beste: Es ist einfach da, geschenkt.

Wer glaubt, das sei ein Scherz, der irrt. „YOU“ verspricht genau das: Gewinne ohne Einsatz, die sich über die Super-App und mithilfe von Augmented Reality in der Umgebung entdecken lassen. Nicht einmal persönliche Daten müssen rausgerückt werden. Was die App über den spielerischen Ansatz nach dem Pokémon-Go-Prinzip noch alles kann und warum es vor allem um Marketing-Raffinesse geht, erklärt der frühere Musikproduzent und Gründer Michael Münzing.

Zur Person

Porträt von Michael Münzinger

Michael Münzing

ist ehemaliger Musikproduzent und hat etwa die weltweit erfolg­reiche Band Snap in den 1990er-Jahren produziert. Als Gründer von „YOU“ arbeitet er seit drei Jahren an dem Projekt

Laut des „App Data Reports 2021“ zählte der Apple Store fast zwei Millionen Apps zum Download, der Google Play Store sogar über 2,5 Millionen. Warum braucht es „YOU?“

Michael Münzing: Als ehemaliger Musikproduzent liegt meine Antwort nahe: Spotify zählt über 60 Millionen Songs – und trotzdem denkt kein Musiker daran, deshalb keine Single mehr zu veröffentlichen. Um im Bild zu bleiben: Wir haben eben nicht versucht, irgendetwas, was es schon gibt, zu covern, sondern sind komplett neue Wege gegangen. Um hervorzu­stechen, haben wir auf die Kombination von interest- und location-based Marketing gesetzt und das in einer App umgesetzt. Ob wir es damit dann am Ende auch in die Charts schaffen, entscheiden die Nutzer.

Was kann die App ganz konkret? Und was macht sie zu einer Innovation?

Münzing: „YOU“ vereint vier Bausteine: YOU Go, YOU Watch, YOU Wallet und YOU Social. Die Schnittstelle zwischen den einzelnen Interfaces sind die ­persönlichen Interessen. Diese werden am Anfang abgefragt, inklusive Informationen wie beispielsweise Alter, Geschlecht und Wohnort. Wie viel der User preisgeben möchte, entscheidet er selbst. Je mehr eingegeben wird, desto spezifischer kann die App Vorschläge generieren, die von Interesse sind. Ganz wichtig: Diese Informationen werden nur auf seinem Endgerät gespeichert. Nach einer gewissen Zeit ist allerdings eine Identitätsprüfung nötig, um sicher­zustellen, dass sich hinter dem Profil auch echte ­Menschen verbergen. Über YOU Go können Gewinne mithilfe von Augmented Reality in der Umgebung ­eingesammelt werden; YOU Watch spielt zielgruppenrelevante Videos aus. Je mehr Videos sich ein User ansieht, desto mehr YOU Cash Token – also digitales Geld – erhält er. Die Währung wird wiederum in einem digitalen Portemonnaie, dem Wallet, gesammelt und kann eingetauscht, an Freunde verschickt oder als Zahlungsmittel genutzt werden. Wer Menschen mit ähnlichen Interessen kennenlernen oder erreichen will, kann dies über YOU Social tun.

Wie können Unternehmen YOU Go als Marketingtool einsetzen?

Münzing: YOU Go ist die Plattform, die Unternehmen und Endkunden zusammenführt und Kunden in die Geschäfte bringt. Nehmen wir etwa einen Bäcker: Dieser möchte potenzielle Kunden von einer neuen Brötchensorte überzeugen. Er gibt die Parameter ein, zum Beispiel dass in einem Radius von 500 Metern um sein Geschäft herum 20 Airdrops, also Gewinne in Form von Brötchen, eingesammelt werden können. Wer diese findet, bekommt einen QR-Code und wird über Google Maps zum Geschäft geführt, um seinen Gewinn abzuholen.

Es sollen also neue Kunden spielerisch gewonnen werden?

Münzing: In diesem Beispiel schon. Es geht aber auch ums Promoten insgesamt. Stellen Sie sich vor, ein Autohersteller bietet Neuwagen in fünf Groß­städten an, vielleicht sogar vor dem offiziellen Launch des Modells. Dann werden darüber sicher die lokalen Medien schreiben, und Menschen tauschen sich auf Social Media darüber aus. Die Marketingkampagne wird dann schnell zu einem kanalübergreifenden Selbstläufer.

Doch sowohl der Bäcker als auch der Autohersteller sprechen so nicht zwangsläufig eine spezifische Zielgruppe an. Welche Rolle spielen dann die Inte­ressen der App-Nutzer?

Münzing: Der Bäcker kann sich überlegen, ob seine Kampagne für alle User bereitsteht oder etwa nur für diejenigen, die sich für Ernährung interessieren. Gleiches gilt für die Automarke – nur Fans oder auch die Allgemeinheit? Das bleibt den Unternehmen überlassen. Bei YOU Watch können Unternehmen ebenfalls ihre Zielgruppe klar segmentieren und targeten. Nur so wird es zur Win-win-Situation: Die Firmen erreichen die richtigen Menschen, und User erleben Content von Produkten, für die sie sich ohnehin interessieren. Ganz nebenbei: Unternehmen können auch einstellen, dass nur ganz spezielle Zielgruppen, etwa aus ihrem Datenpool, erreicht werden. Sie können die Gewinne dann exklusiv für diese bereitstellen und die Informationen zum Beispiel über ihren eigenen Newsletter verteilen.

You Cash Token

Lohnt sich die digitale Währung Token auch abseits der App „YOU“? Ein Überblick.

  • Derzeitige Marktkapitalisierung: 200 Millionen Dollar (Stand: 28. Mai 2021)
  • Top-250-Token auf Coinmarketcap
  • Alle Infos zu Preis, Handel und Marktkapitalisierung auf Coinmarketcap, der Plattform zur Nachverfolgung der Kapitalisierung verschiedener Kryptowährungen

Aufgrund der unterschiedlichen Facetten von „YOU“ wirkt die App wie ein Sammelsurium an Daten. Wie stellen Sie den Datenschutz sicher?

Münzing: Alle Daten sind anonymisiert und werden nur auf dem Handy gespeichert. Wenn die App gelöscht wird, verschwinden alle Informationen. Bei der Entstehung von „YOU“ ging es mir auch darum, einen Gegenentwurf zu den großen US-Plattformen zu entwickeln, die Daten von Nutzerinnen und Nutzern sammeln und verkaufen. Diese Datensammelwut war auch der erste Impuls, der dazu führte, dass ich so eine App überhaupt entwickeln wollte. Wir gehen einen anderen Weg und möchten es fair machen. Auch deshalb partizipieren die User, wenn sie die Werbung konsumieren oder Airdrops sammeln.

Wann kommt die App nach Deutschland?

Münzing: Anfang Juni haben wir die Beta-Phase mit YOU Go in Moskau gestartet, wo der Lockdown weitestgehend aufgehoben ist. Wir wollen dort lernen, um den weiteren Roll-out vorzubereiten. Die nächste Location wird im Sommer Berlin sein. Mittelfristiges Ziel ist es natürlich, „YOU“ weltweit zu launchen.

25.06.2021    Miriam Rönnau
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