Eine Frau schaut überrascht auf ihr Smartphone.
19.08.2021    Arne Gottschalck
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Für Deutschlands Anlagekultur ist es schon fast Punk-Rock: Junge Menschen sagen ja zu Aktien – unter anderem, weil bequeme Nutzeroberflächen den Zugang so einfach machen. Handy statt Handelssaal, Ka-Wumm! Neobroker machen es möglich.

Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei einem Neobroker um eine App, die die Hürden für den Kapitalmarktzugang deutlich senkt. Bedeutet: Aktien oder ETF kaufen, während die Bahn einfährt? Ist möglich. Genau damit treffen die neuen Anbieter offenbar einen Nerv gerade bei jungen Anlegern. Zumindest legen die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts so einen Schluss nahe: Von 2019 bis 2020 stiegt die Zahl der Aktionäre in Deutschland von 9,7 auf 12,4 Millionen. Und eine Million dieser Neu-Anleger sind unter 40 Jahre alt.

Freilich sind längst nicht alle davon Neobroker-Nutzer. Aber die Apps surfen sehr geschickt auf dieser Welle. An der Börse ist dieser Trend längst erkannt: Beim Börsengang von Neobroker Robinhood war das Unternehmen den Anlegern in der Summe rund 32 Milliarden Dollar wert, fast 30 Milliarden Euro. Höchste Zeit, die wichtigsten Fragen zu beantworten:

Frage 1: Was bieten Neobroker?

Es ist vor allem der schnelle und einfache Zugang zur kapitalmarktbasierten Geldanlage – statt Handschlag mit dem Bankberater genügt nun ein Wischen auf dem Smartphone. Oftmals konzentrieren sich Neobroker auf ein bestimmtes Segment. Nuri beispielsweise bietet Kryptotrading, Lynx ETFs.

Das breitere Angebot findet sich eher bei klassischen Anbietern. Außerdem nutzen viele Neobroker nur wenige Handelsplätze. Dazu werben viele mit einer günstigen Gebührenstruktur. Damit rücken sie in die Nähe von Online-Banken wie ING.

Was ist der Unterschied zwischen Online-Bank und Neobroker? „Das Neobroker-Angebot richtet sich in erster Linie an sehr aktive Händler, die eine reine Ausführungsplattform suchen, auf der sie kostengünstig handeln können, ohne viele zusätzliche Dienstleistungen und ohne eine Auswahl an verschiedenen Handelsplätzen“, sagt Sebastian Göb von der ING. Sein Haus dagegen sei eine Vollbank und böte „einen Rundumservice bei vielen Finanzangelegenheiten.“

Für die Anwender der Neobroker zumindest bedeutet diese Mischung, dass die nächste Transaktion, bildlich gesprochen, nur noch einen „Swish“ entfernt ist.

Frage 2: Warum sorgen Neobroker für Schlagzeilen?

Schlagzeilen machten unter Neobroker vor allem Robinhood. Denn dort tummelten sich offenbar viele Anleger, die sich auch in sozialen Medien zur gemeinsamen Geldanlage anstacheln. Und Anfang des Jahres auch Geld auf Gamestop setzten, was wiederum milliardenschwere Hedgefonds ins Schwitzen brachten, die zuvor auf fallende Kurse des Unternehmens gesetzt hatten.

Das Medienecho war groß, der Tenor „David gegen Goliath“, gute Kleinanleger gegen böse Börsenprofis. Aber auch abseits solcher Schlagzeilen gibt es Dinge, die die Nutzer wissen sollen.

Frage 3: Was sollten Anleger bei Neobrokern beachten?

Zum einen kann das Modell zum Traden, zum schnellen An- und Verkauf verführen. Und das hilft beim langfristigen Vermögensaufbau bekanntlich nicht: „Hin und Her macht Taschen leer“, heißt es an der Börse. Selbst mit Flatrat. Einfach weil es nahezu unmöglich ist, den optimalen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkt zu erwischen, zeigt auch eine Studie der Fondsgesellschaft Fidelity.

Und dann wäre da noch das Gebührenmodell. Denn die nominell niedrigen Kosten müssen an anderer Stelle hereingeholt werden. „Die Neobroker haben in der Regel einen festen Partner, über den die Geschäfte abgewickelt werden. Die Kunden bekommen nicht immer den besten Kurs. Dadurch gibt es auch eine Gebühr, die steht nur nicht so offensichtlich auf dem Deckel“, sagte Grünen-Europapolitiker Sven Giegold im Interview mit DUP UNTERNEHMER. Robinhood zum Beispiel reicht die Order seiner Kunden an Handelsplätze und Hedgefonds weiter – und erhält dafür eine Provision, so die „Wirtschaftswoche“.

Das wiederum bedeutet, dass Neobroker mit häufig handelnden Kunden am besten verdienen. Kein Grund, deren Angebot abzulehnen – doch es sollte bekannt sein, wie das Model funktioniert.

Frage 4: Wie sieht die Zukunft der Neobroker aus?

Die Glaskugelfrage – doch bereits jetzt lassen sich bestimmte Entwicklungen schon am Horizont ausmachen. Da ist zum einen der Wettbewerb: Es ist kein Geheimnis, dass es den Neobrokern darum geht, kräftig zu wachsen und Kunden zu gewinnen. Und das schneller als die Konkurrenz. Bedeutet: Eine Konsolidierung ist absehbar. Es dürfte also in Zukunft weniger, aber dafür größere Anbieter geben.

Zum anderen ist da der regulatorische Druck. Bereits jetzt stehen Neobroker im Fadenkreuz der Finanzaufsicht. Die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat die Vorgänge rund um den Fall Gamestop untersucht und kommt zu dem Schluss, „dass ein Großteil der Angebote sehr wahrscheinlich gegen die Verbraucherschutzregeln verstößt. Sie hat die nationalen Aufsichtsbehörden – in Deutschland also die BaFin – aufgerufen, zügig die Neobroker vor Ort unter die Lupe nehmen und eventuelle regelwidrige Praktiken zu unterbinden“, schreibt Giegold auf seiner Website. Die EU-Kommission habe zudem angekündigt, eine Änderung der MiFID-II-Regeln vorzuschlagen.

Die Verbraucherzentrale rät Anlegern: einfach im Kleingedruckten nachlesen. Klingt zwar nicht mehr ganz nach Punk-Rock. Aber hilft bei der Geldanlage.

19.08.2021    Arne Gottschalck
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