Ein Luftballon liegt auf einer Reißzwecke.
13.07.2021    Gerhard Michel
  • Drucken

Kolumne von Finanzcoach Gerhard Michel

Keine Angst vor dem Börsencrash

Aktienpreise können heftig schwanken. Deswegen machen viele Sparer einen großen Bogen um die Börse. Doch genau in diesem Denkansatz steckt ein Fehler: Wer langfristig investiert und Unternehmen genau analysiert, sollte sich über Kursschwankungen freuen.

Eine Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Investieren ist die Fähigkeit, eine mögliche Divergenz zwischen dem Preis einer Aktie und dem Wert einer Aktie berechnen zu können. Ist ein Investierender auf der Basis von fundamentalen Daten zu der Entscheidung gekommen, dass der Kauf einer Aktie jetzt sinnvoll ist, dann ist der erste entscheidende Schritt getan. Ein wichtiger „Zuarbeiter“ für den Aktienkauf sind dabei kurzfristige Kursschwankungen, die im Optimalfall dafür sorgen, dass der Preis sogar unter den fairen Wert fällt.

Kolumnenkasten von Gerhard Michel

Der Unterschied zwischen Preis und Wert

Kursschwankungen sind für den Fundamentalinvestor, der auf der Suche nach Kaufgelegenheiten ist, durchaus willkommen. Besonders in Crashsituationen ergeben sich günstige Einstiegsgelegenheiten. Der Vergleich mit der Realwirtschaft, in der auch permanent Unternehmen, die nicht an der Börse gehandelt werden, gekauft und verkauft werden, verdeutlicht hier sehr schön, wie irrational sich Börsenpreise kurzfristig entwickeln können. Selbst in Zeiten eines wirtschaftlichen Abschwungs ändern sich die Preise der nicht-börsennotierten Unternehmen nicht so radikal, wie dies an der Börse der Fall ist, da sich bei außerbörslichen Transaktionen Verkäufer und Käufer viel stärker mit dem eigentlichen Wert des Unternehmens auseinandersetzen.

Die Vorteile der Börse

Die stärkere Volatilität an der Börse lässt in Krisenzeiten die Kurse viel weiter fallen als dies in der Realwirtschaft der Fall wäre. Aktionärinnen und Aktionäre, die keine Komplettübernahme eines Unternehmens planen – und dies sind wohl die meisten – sollten sich dieses Vorteils bewusst sein. Der fundamental begründete Kauf sollte sich jedoch in beiden Welten nicht durch die Analysetechnik unterscheiden.

Fundamental Investierende agieren genauso wie die Leitung einer Holding

Die Unternehmensleitung einer Holding würde die wichtigen Kennzahlen wie die Ertragskraft, die Finanzierungsrelation eines Unternehmens sowie die Preis-Buchwert-Relation bei der Übernahme eines Tochterunternehmens prüfen. Nachdem der Kauf abschlossen ist, spielen die Preise, die möglicherweise für das Tochterunternehmen weiterhin geboten werden, bei einer langfristig agierenden Holding keine besondere Rolle mehr. Ab jetzt agiert die Realwirtschaft hoffentlich wesentliche rationaler, als dies einige Aktionäre tun.

Illustration von Gerhard Michel

Gerhard Michel ist Investor und Finanzcoach. In Einzelcoachings, Seminaren und als Gastdozent vermittelt er die quantitative, fundamentale Aktien- / Unternehmensanalyse

Die langfristig investierende Holding wird nun regelmäßig überprüfen, ob das neu erworbene Tochterunternehmen weiterhin die Performance liefert, die man erwartet hatte. Ist das der Fall, so ist der Verkauf der Tochter nur sinnvoll, wenn man sich sicher ist, dass man mit dem erzielten Cash ein noch besseres Unternehmen ebenfalls günstig erwerben kann. Diese optimale Situation kommt jedoch in keiner der beiden Welten allzu häufig vor.

Aktionäre, die sich wegen Kursschwankungen zu früh von hervorragenden Unternehmen trennen, die sie zu einem guten Preis gekauft haben, nehmen sich die Möglichkeit an weiter steigenden Unternehmensgewinnen zu partizipieren. Die Möglichkeit, an steigenden Unternehmensgewinnen teilhaben zu können, differenziert Aktienbesitzer jedoch klar von Immobilien- oder Anleiheinvestoren. Diese können weder die Mieten permanent anheben noch darauf hoffen, dass eine Firma oder ein Land freiwillig den Koupon einer Anleihe erhöht.

Jeder Aktionär ist Geschäftsführer seiner Holding

Somit sollte sich die Verkaufsentscheidung nicht von gebotenen Preisen und Kursschwankungen ableiten. Die Verkaufsentscheidung sollte bei einer Aktie sowie beim Verkauf der Holding-Tochter durch die Analyse der fundamentalen Daten des Unternehmen getroffen werden. Diese fundamentalen Daten sorgen für mentale sowie emotionale Sicherheit und nehmen die Furcht vor Kursschwankungen.

Die Arbeit des Fundamentalinvestors ähnelt der eines Holding-Geschäftsführers. Das ist außerordentlich beruhigend, denn durch die durchgeführten Analysen ist er in der Lage, valide eigene Entscheidungen zu treffen und sich vom sekündlichen Treiben an der Börse unabhängig zu machen.

Kolumnen, Kommentare und Gastbeiträge auf DUP-magazin.de geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors oder der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

 

13.07.2021    Gerhard Michel
  • Drucken
Zur Startseite