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11.04.2022    Olivia Schlumm
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Unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern aus Russland ist zu groß. Das wurde spätestens mit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine mehr als offensichtlich. Doch was tun, damit die Energiekosten nicht weiter explodieren? Ist ein Revival der Atomenergie denkbar? Nein, sagt Martin Baart, Gründer der Crowdinvesting-Plattform ecoligo. Denn auch der dafür benötigte Rohstoff Uran stamme schließlich vielfach aus Russland.

Baart selbst setzt voll auf erneuerbare Energien, finanziert über seine Plattform Solarprojekte in Schwellenländern. Mit ecoligo ist er inzwischen der führende Anbieter von Solarenergie in Kenia, Ghana, Costa Rica, Chile, Vietnam, Panama, Uganda und auf den Philippinen.

Zur Person

Portrait Martin Baar

Martin Baart

gründete 2015 die Crowdinvesting-Plattform ecoligo. Er kann inzwischen auf 17 Jahre Erfahrung im Bereich erneuerbare Energien zurückblicken und war unter anderem für Micorgrods, Powercorp und OneShore Energy tätig

Welche Folgen hat es, wenn Deutschland sich unabhängiger von Öl und Gas aus Russland macht? Befürchten Sie beispielsweise Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke?

Martin Baart: Es gibt zwar durchaus populistische Stimmen, die genau das behaupten, allerdings spielt Gas – und besonders auch Gas zur Stromerzeugung – nur eine untergeordnete Rolle. Daher besteht erstmal keine Kausalität zwischen Unabhängigkeit von Gas und Öl aus Russland und Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke. Letztendlich sind Kernkraftwerke auch fossile Kraftwerke, die Uran – das ja nicht nachgebildet wird – als Brennstoff benötigen und von dem eben auch ein Großteil des Weltmarkts von Russland bedient wird. Ein Schwenk zu Kernenergie löst also das eigentliche Problem nicht – ganz im Gegenteil. Ich gehe davon aus, dass jetzt sowohl politisch als auch gesellschaftlich klar wird, dass eine fossile Abhängigkeit immer genau das bleibt: eine Abhängigkeit. Und dieser gilt es entgegenzuwirken durch eine gesamtenergetische Betrachtung, die auf drei Säulen fußt: einer Fokussierung auf Energieeinsparungen, der Reduktion von Primärenergieträgern hin zu vollelektrischen Systemen und der lokalen Erzeugung von Strom durch die erneuerbaren Energien.

Was müsste getan werden, um erneuerbare Energien hierzulande zu fördern? Welche Fehler wurden in der Vergangenheit begangen?

Baart: In der Vergangenheit wurden in Deutschland im Bereich der erneuerbaren Energien unzählige Bürokratie-Monster erschaffen. Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen, Anmeldeprozeduren, das Erneuerbare-Energien-Gesetz: Alles ist in höchstem Maße bürokratisch und kompliziert. In unseren Nachbarländern verfolgt man unbürokratische Konzepte, zum Beispiel kostenlose Solaranlagen für alle Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer in Belgien.

Damit in Deutschland die Energieunabhängigkeit steigt, muss politisch gehandelt werden. Es wird oft suggeriert, dass Privathaushalte weniger Gas verbrauchen sollten, aber 60 Prozent des Gasimports in Deutschland geht in die Industrie. Hier muss die Politik aktiv werden. Gleichzeitig muss ein immenser Bürokratieabbau erfolgen, sodass der Markt entsprechend selbst daran interessiert ist, in Projekte in Deutschland zu investieren. Immerhin schreiben wir das Jahr 2022. Genehmigungsverfahren sollten digital, unkompliziert und transparent verlaufen.

Die EU stuft Atomenergie und Gas als nachhaltig ein. Ist das aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Baart: Das ist definitiv ein Fehler. Besonders Gas ist ein klassischer fossiler Energieträger mit einem immensen CO2-Fußabdruck. Atomenergie mag auf den ersten Blick nachhaltiger erscheinen, ist aber marktwirtschaftlicher Humbug. Jetzt wird in der Politik wieder viel Aufmerksamkeit auf Kernenergie gelenkt. Dabei hat diese Technologie marktwirtschaftlich keine Zukunft: zu viel Risiko, das sich nicht versichern lässt, fehlendes Fachpersonal zum Betrieb der Anlagen, zu große Investitionskosten beim Bau und hohe Strompreise pro kWh. Schon heute produziert jeder Wind- oder Solarpark günstiger Strom. In Zukunft wird sich dieser Vorteil der Erneuerbaren dank radikal schnell sinkenden Kosten bei Batteriesystemen kontinuierlich weiter ausbauen.

Das Einstufen von Gas und Atomenergie als nachhaltig hat natürlich auch die Konsequenz, dass viele Investorinnen und Investoren weiter in diese Projekte investieren, da sie wissen, dass sie in der EU damit keine regulatorischen Risiken eingehen werden. Dieses Kapital kann man stattdessen besser in erneuerbare-Energie-Projekte investieren.

Mit Ihrer Crowdinvestingplattform ecoligo können Anlegerinnen und Anleger Solarprojekte in Schwellenländern finanzieren. Welche Gründe sprechen für ein Investment bei ecoligo?

Baart: Primär natürlich, dass man mit seinem Investment den Klimawandel bekämpft und CO2-freie Stromerzeugung in den Ländern unterstützt, in denen die Klimakrise schon jetzt Auswirkungen hat. Dafür bekommen Kapitalgeberinnen und -geber auch noch eine ansprechende Verzinsung. Was das Ganze spannend macht, ist das Geschäftsmodell von ecoligo. Wir bieten nicht irgendwelche Projekte an, sondern Projekte, die in unserem Besitz sind. So haben wir die Möglichkeit, die Kundinnen und Kunden zu überprüfen, hohe Qualitätsanforderungen beim Bau der Anlagen vorzugeben und die Wartung der Anlagen sicherzustellen. Dazu haben wir vor Ort Tochtergesellschaften gegründet, in denen hochqualifizierte Mitarbeitende arbeiten. Da wir als Unternehmen unseren Umsatz über den Stromverkauf erzielen, haben wir ein gleichgerichtetes Interesse mit den Investorinnen und Investoren, die ihr Kapital in die Projekte stecken.

Für ein aktuelles Projekt in Kenia werben sie mit fünf Prozent Zinsen bei einer Laufzeit von drei Jahren. Wie finanzieren sich die Gewinne? Wie hoch ist die Kostenbelastung?

Baart: Das Finanzierungsmodell ist ähnlich einer Immobilie. Darlehen werden aufgenommen, die dann mit den Strompreiszahlungen der Kundinnen und Kunden – analog zu Mietzahlungen – wieder getilgt werden. Hierbei sind die Strompreiszahlungen der Kundinnen und Kunden immer ausreichend, um Wartung und Betriebskosten, Zinsen und Tilgungen zu decken. Wenn das Darlehen der Privatinvestoren auf der Crowdplattform nach drei Jahren ausgelaufen ist, refinanzieren wir die ausstehende Restsumme über ein erneutes Crowdinvesting oder andere Kapitalgeber. Das ist analog zur Anschlussfinanzierung einer Immobilie: Nach fünf Jahren Zinsbindung kann man ein neues Darlehen zur Tilgung der ausstehenden Summe aufnehmen, wobei diese Summe dann deutlich niedriger ist als anfänglich, da zwischenzeitlich ja Tilgungen geleistet wurden.

Crowdinvestments haben bei Verbraucherschützern keinen guten Ruf, denn es droht im schlimmsten Fall der Totalverlust. Wie fällt die Bilanz von ecoligo bislang aus? Gab es Projekte mit Verlusten?

Baart: Wir haben bisher eine 100-Prozent-Erfolgsquote der Zins- und Tilgungszahlungen bei 139 Projekten. Allerdings gab es in der Vergangenheit zwei Vorhaben, die nach Einsammeln des Kapitals leider nicht realisiert werden konnten. Hier konnten wir als Besitzer der Komponenten für das Projekt diese jedoch verkaufen und den Erlös an die Privatinvestorinnen und -investoren zurückzahlen. Aktuell befindet sich ein weiteres Projekt in einer ähnlichen Situation: Hier sind wir jedoch auch kurz davor einen weiteren Abnehmer zu finden und können dann auch dort alles an die Privatinvestorinnen und -investoren zurückzahlen. Alle anderen Projekte verkaufen den Strom nach Plan, sodass wir hier alle Auszahlungstermine der Crowdinvestorinnen und -investoren bedienen können und werden.

11.04.2022    Olivia Schlumm
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