Stilisierte Skulpturen von Bulle und Bär als Symbol für deutsche Aktien
22.05.2024    Kathy Günther
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Anlegerinnen und Anleger hierzulande haben ein Faible für deutsche Aktien. Das zeigt unter anderem eine Auswertung der Consorsbank. In den 1,6 Millionen Depots ihrer privaten Kundinnen und Kunden entfielen Mitte vergangenen Jahres 50,6 Prozent des Anlagevolumens auf Aktien deutscher Unternehmen. Allerdings fiel die Dominanz heimischer Werte fünf Jahre zuvor mit 61,8 Prozent noch deutlich größer aus, auch, weil sich Anlegende zuletzt verstärkt Aktien nordamerikanischer Unternehmen zuwandten. Sabrina Reeh, Expertin für deutsche Aktien, managt den DWS ESG Investa, der den Fokus auf deutsche Standardwerte legt. Sie erklärt, warum sich deutsche Aktien als Beimischung eignen können und wo sie am hiesigen Markt Potenzial sieht.

Zur Person

Sabrina Reeh, Fondsmanagerin bei der DWS und Expertin für deutsche Aktien

Sabrina Reeh

managt seit März 2023 den DWS ESG Investa, den ältesten Fonds der DWS mit einem verwalteten Vermögen von rund 3,5 Milliarden Euro

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Überbordende Bürokratie, marode Infrastruktur, schleppende Digitalisierung – am Standort Deutschland gibt es viel Schatten. Sehen Sie auch Lichtblicke?

Sabrina Reeh: Ein wesentlicher Vorteil des Standorts ist, dass deutsche Unternehmen nach wie vor stark sind im Bereich Forschung und Entwicklung. Wir haben viele sehr gut ausgebildete Leute, beispielsweise im Ingenieurwesen. Außerdem geben hiesige Industriekonzerne gemessen an ihrem Umsatz deutlich mehr für Forschung und Entwicklung aus als beispiels­weise die Konkurrenz in den USA. Und wo sie mehr investiert haben, verzeichnen sie oft auch mehr Wachstum. Auf diese Weise haben sie sich in den vergangenen Jahren gegenüber US-Wettbewerbern einen Vorsprung erarbeitet. Außerdem beweist die deutsche Wirtschaft ihre Innovationsfähigkeit. So steht Deutschland bei der Zahl der angemeldeten Patente in Europa wie auch global auf einem der Spitzenplätze. Und schließlich verfügen wir über die meisten kleinen Unternehmen, die in ihren Nischen besonders stark sind, die sogenannten Hidden Champions.

Manche Fachleute befürchten eine Deindustrialisierung Deutschlands. Teilen Sie diese Sorge?

Reeh: Wenn die Politik nicht mehr Initiativen ergreift, wie zum Beispiel die Vereinfachung von Genehmigungsprozessen, werden mit Sicherheit weitere Unternehmen ihre Produktionsstandorte in Deutschland überdenken. Vor allem energie- und produktionsintensive Bereiche wie die Chemiebranche dürften langfristig durch hohe Energiepreise Nachteile haben. Allerdings sind viele deutsche Industrieunternehmen – Standard- wie Nebenwerte – bei Digitalisierung, Automatisierung und Elektrifizierung sehr stark. Und sie haben sich zu Anbietern von Lösungen etwa für die CO2-Reduktion gewandelt, zum Beispiel mit Systemen für mehr Energieeffizienz in Gebäuden.

Die umsatzstärkste deutsche Branche, die Automobilindustrie, spürt zunehmend die Konkurrenz etwa aus China. Was heißt das für Autoaktien?

Reeh: Die Automobilindustrie macht 25 Prozent der Dax-Gewinne aus, die möchte man in einem Deutschlandfonds natürlich dabei haben. Aus meiner Sicht haben mittlerweile alle deutschen Autobauer eine relativ klare Strategie hinsichtlich der Produktpositionierung bezüglich Elektromobilität und sind hierbei auch differenziert aufgestellt. Einer produziert verschiedene Antriebsmodelle, ein anderer baut ausschließlich E-Autos, der nächste hat sich seine Nische im Premiumsegment gesucht.

Allerdings sind die deutschen Autobauer im Preiskampf zwischen Herstellern aus China und den USA im Nachteil. Aufgrund fehlender Skaleneffekte produzieren sie E-Autos noch deutlich teurer als Verbrenner. Für hiesige Autokonzerne spricht jedoch ihre internationale Markenbekanntheit. Außerdem sind es sehr solide Unternehmen mit starken Bilanzen und einem guten freien Cashflow. Gleichzeitig sind sie mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen zwischen drei und fünf aktuell sehr günstig bewertet. In den letzten Jahren konnten die Autobauer aufgrund der Lieferengpässe hohe Margen verzeichnen. Wo sich diese einpendeln, dürfte sich im zweiten Halbjahr zeigen. Entscheidend wird sein, ob die Konsumentinnen und Konsumenten dann wieder mehr deutsche Autos kaufen. Die zuletzt gestiegene Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher lässt hoffen.

Sie können in Ihrem Fonds auch Nebenwerte beimischen. Wie schätzen Sie deren Aussichten ein?

Reeh: Bei Nebenwerten sehen wir seit über zwei Jahren eine Underperformance, obwohl es fundamental eigentlich so schlecht nicht läuft. Ein Grund ist, dass viele Anlegende sich aufgrund der Wirtschaftslage in Titel der Börsenschwergewichte geflüchtet haben. Sollte jetzt aber im zweiten Halbjahr die Wirtschaft wieder anziehen – und das ist unisono die Erwartung der Unternehmen – dürften Nebenwerte wieder besser laufen. Wenn dann noch die Leitzinsen sinken, könnten Small Caps vor einem Comeback stehen.

International wurden die Märkte zuletzt stark von einigen wenigen großen US-Tech-Werten und dem Thema Künstliche Intelligenz, kurz KI, getrieben. Verpassen Anlegende mit deutschen Aktien nicht die großen Renditechancen der Technologie?

Reeh: Wir haben zwar beim Thema KI in Deutschland keine Schwergewichte wie in den USA, aber in der zweiten und dritten Reihe finden sich Unternehmen mit Aufholpotenzial, etwa unter Herstellern von Produkten für Rechenzentren oder für KI-Anwendungen. Darüber hinaus ist es nie ratsam, zu einseitig zu investieren und nur auf ein Thema zu setzen. Deutsche Aktien können sich zur Diversifikation eignen. Beispielsweise hat der Dax zu Jahresanfang oft besser performt als andere große Indizes.

Sind deutsche Standardwerte schon zu teuer, oder gibt es noch Schnäppchen?

Reeh: Wir sehen eine 60-prozentige Spreizung der Performance zwischen den besten und den schlechtesten Werten im Dax. Deutsche Aktien bieten also durchaus noch Einstiegsmöglichkeiten, zumal der Markt im Sommer oft ein bisschen durchatmet. Da können zum Beispiel auch mal defensive Titel funktionieren, etwa aus dem Healthcare-Bereich, die zuletzt nicht gut gelaufen sind. Ich würde allerdings momentan den Blick weniger auf Sektoren richten, sondern eher auf Einzelwerte. Für eine gute Performance ist Stockpicking jetzt das Wichtigste.

22.05.2024    Kathy Günther
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