Ein beleuchtetes Schild weist den Weg zum Feuerlöscher.
13.07.2021    Martin Hintze
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Krisenbekämpfung

Den Zentralbanken geht das Löschwasser aus

Finanzkrise, Eurokrise, Coronakrise: Immer wenn die Wirtschaft in Flammen stand, waren die Währungshüter als Feuerwehr zur Stelle. Zuletzt sprangen auch die Regierungen mit milliardenschweren Finanzspritzen ein. Doch wie lassen sich die Hilfen wieder zurückfahren, ohne die Börsen in Panik zu versetzen?

In Kürze:

  • Mit einer konzentrierten Aktion haben Zentralbanken und Regierungen die schlimmsten Folgen der Coronakrise abgemildert. Dabei hat die Fiskalpolitik zuletzt an Bedeutung gewonnen.
  • Im Aufschwung nach der Pandemie ist eine ultralockere Geldpolitik eigentlich nicht mehr nötig, sagen Konjunkturexperten.
  • Doch wenn die Leitzinsen wieder steigen, droht ein Crash an den Finanzmärkten. Das ließe sich laut Experten nur durch behutsames Vorgehen der Notenbanken verhindern.

Es waren beinahe magische Worte, die der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am 26. Juli 2012 sprach: „Whatever it takes“ – was immer nötig sein wird. Diese drei Worte von Mario Draghi haben vermutlich den Euro gerettet. Zumindest stellen sie den Wendepunkt In der Bekämpfung der Eurokrise dar, indem sie die Finanzmärkten nachhaltig beruhigten. Die EZB unternahm tatsächlich alles was nötig war, um den angeschlagenen Staaten Südeuropas unter die Arme zu greifen: Leitzinsen auf null, milliardenschwere Anleihekaufprogramme, Rettungsschirme.

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In der Coronakrise war die Feuerwehr Zentralbank einmal mehr gefragt. Das Problem: Die Geldpolitik war bereits ultralocker. Also musste noch ein anderer Retter die Währungshüter unterstützen – die Regierungen. „Wir erleben einen Paradigmenwechsel in der Krisenbekämpfung. Die Fiskalpolitik ist nun aktiver geworden“, sagt Johannes Müller, Head of Macro Research bei der Fondsgesellschaft DWS, im Talk bei der DUP Finance Week.

Schulden auf Rekordniveau

In den USA schenkte die Regierung von US-Präsident Joe Biden jedem Haushalt im Frühjahr 1400 Dollar plus Kinderzulagen. Es war bereits das dritte Mal, dass der Staat „Helikoptergeld“ herabregnen ließ. Auch die Bundesregierung war nicht knauserig, beispielsweise beim Kurzarbeitergeld.

Die Kehrseite: Bis 2022 dürften sich 650 Milliarden Euro neue Schulden bei Bund, Ländern und Kommunen auftürmen, hat das Institut der deutschen Wirtschafft berechnet. Insgesamt wären es 2,7 Billionen Euro. „Noch nie seit 1945 hat der Staat so viel Geld in so kurzer Zeit für ein Ziel ausgegeben wie zur Bekämpfung der Coronapandemie“, sagt IW-Direktor Michael Hüther. Die Schuldenquote, also das Verhältnis von Verbindlichkeiten zum Bruttoinlandsprodukt steigt auf 75 Prozent. Erlaubt sind laut Maastricht-Vertrag höchstens 60 Prozent. In den USA liegt dieser Wert bei 108 Prozent.

Am Talk in der DUP Finance Week nahmen teil:

  • Johannes Müller, Head of Macro Research, DWS
  • Ivan Domjanic, Capital Market Strategist, M&G Investments

Moderation: Arne Gottschalck, Redakteur, DUP UNTERNEHMER

Die Nebenwirkungen der Krisenbekämpfung

„In der beispiellosen Coronakrise hat die Fiskalpolitik gut funktioniert. Doch welche Folgen hat das langfristig?“, fragt Ivan Domjanic, Capital Market Strategist M&G Investments, im DUP-Talk. Der Konjunkturexperte liefert die Antwort gleich mit: Zum einen werde der „bereinigende Effekt einer Rezession“ verhindert. Es kann also zu „Zombie-Unternehmen“ führen, die nur durch Staatsgelder am Leben bleiben. Zum anderen werde es für die Zentralbanken eine Herausforderung, von der ultralockeren Geldpolitik in den Normalmodus zurückzukehren, ohne stark verschuldete Staaten und Unternehmen in Schwierigkeiten zu bringen.

Eine Zinswende wäre dann nötig, wenn die Wirtschaft wieder kräftig wächst und zu überhitzen droht. Und danach sieht es momentan in den USA aus: Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt ein Wachstum von sieben Prozent für dieses Jahr voraus. Es wäre der stärkste Boom seit knapp 40 Jahren. „Das Risiko einer höheren Inflation besteht. Wie lange wird die US-Zentralbank Federal Reserve dabei zusehen? Das ist keine einfache Situation“, sagt Domjanic.

Game Changer Lohn-Preis-Spirale

„Für einen längerfristigen Inflationsanstieg müssten auch die Löhne steigen. Eine solche Lohn-Preis-Spirale wäre ein echter Game-Changer“, sagt DWS-Experte Müller. Momentan seien Lohnsteigerungen aber nur in einzelnen Sektoren zu beobachten. „Wenn es soweit ist werden die Zentralbanken sehr behutsam vorgehen und die Zinsen nur in Babyschritten anheben. Die Staaten fahren enorme Defizite, die müssen finanziert werden“, sagt M&G-Volkswirt Domjanic. Müller rechnet damit, dass die Fed 2023 mit vorsichtigen Zinserhöhungen beginnen könnte. Die EZB werde nicht vor 2024 damit anfangen.

Aber auch sensible Zinserhöhung dürften nicht spurlos an den Finanzmärkten vorbeigehen. „Hohe Volatilität wollen die Zentralbanken jedoch verhindern. Die Renditen werden aber nicht durch die Decke gehen, der Anlagenotstand bleibt bestehen“, prognostiziert Müller. Also alles halb so wild? „Der Aktienmarkt als Ganzes dürfte gut mit steigenden Zinsen zurechtkommen“, sagt Domjanic. „Solange die Zinsen nicht zu schnell ansteigen und das Wirtschaftswachstum robust bleibt. Die Rendite wird zukünftig stärker vom Gewinnwachstum und Dividenden geprägt sein.“

13.07.2021    Martin Hintze
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