Ein Streichholz dessen Flamme eine Weltkugel ist
17.11.2021    Miriam Rönnau
  • Drucken

 

Zur Person

Porträt von Alexander Holst

Alexander Holst

ist Managing Director bei Accenture mit Sitz in Berlin. Er leitet den Bereich Sustainability Practice des Unternehmens in der Region Deutschland, Schweiz und Österreich und ist Mitglied im Global Environmental Management Committee von Accenture

Weltweit beklagten Führungskräfte – schon vor der COP26-Konferenz –, dass Regierungen und politische Entscheidungsträger die Privatwirtschaft nicht ausreichend beim Erfüllen von Nachhaltigkeits- und Klimazielen unterstützen. Was fordern die CEOs konkret?

Alexander Holst: Es geht vor allem darum, Investitionssicherheit zu bekommen und gleichermaßen Vorgaben für den Wettbewerb festzulegen.

Unsere CEO Nachhaltigkeitsstudie zeigt, dass Führungskräfte fünf konkrete Forderungen stellen:

  1. Angleichung der national festgelegten Klimaschutz-Beiträge (Nationally Determined Contributions – NDCs) an den Erwärmungspfad von 1,5 Grad
  2. Verstärkte internationale Zusammenarbeit für die Bepreisung von CO2-Emissionen im Einklang mit dem Pariser Abkommen
  3. Erfüllung der Zusagen von mehr als 100 Milliarden Dollar für die Klimafinanzierung im globalen Süden
  4. Festlegung gemeinsamer Standards für den Schutz der biologischen Vielfalt
  5. Verstärktes Zusammenbringen der Unternehmen in der aktiven Gestaltung von Klimapolitik und gemeinschaftlichen Klimaschutzmaßnahmen

Schauen wir etwas tiefer in Ihre aktuelle Studie „Climate leadership in the eleventh hour“: Wie unterscheiden sich die Forderungen zwischen den verschiedenen Branchen?

Holst: Die verschiedenen Branchen sind unterschiedlich weit in der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen. Daher variieren auch die Forderungen nach Investitionen und Branchenstandards. Laut unserer Studie schätzen etwa Führungskräfte der Branchen Gebrauchsgüter und Haushaltswaren ihre Unternehmen als relativ weit fortgeschritten in der Umsetzung von Kreislaufwirtschafts-Geschäftsmodellen ein, bei denen Ressourcen reduziert, wiederverwendet oder recycelt werden. Ähnlich weit sehen sich die Befragten aus den Branchen Chemie und Erneuerbare Energien. Vergleichsweise weniger weit sind Unternehmen aus der Bau- und Immobilienbranche. Diese Entwicklungen haben unterschiedliche Gründe, die mit der Komplexität der Produkte, den gängigen Wertschöpfungsmodellen und Forderungen der Kunden und schließlich den Konsumenten zu tun haben. Aber eben auch mit den Vorgaben der Politik. Hier braucht es unternehmens- und branchenübergreifende Modelle der Zusammenarbeit.

Ein anderes Beispiel ist die Erfassung von Scope-3-Emissionen, also indirekten Emissionen in der vor- und nachgelagerten Lieferkette. Unsere Studie zeigt, dass sich Führungskräfte aus Ressourcen- und Versorgungsunternehmen hier relativ weit sehen. Die Gesundheits- und Medienbranche dagegen steht vergleichsweise noch am Anfang. Wir brauchen einheitliche Standards und auch die Verfügbarkeit von Daten, um in den Wertschöpfungsketten eine Datenbasis erstellen zu können, von der aus dann Reduktionsziele formuliert werden können.

Ist es überhaupt realistisch, dass Regierungen konkrete Maßnahmen festschreiben, um die Klimaziele zu erreichen? Erst kürzlich hat etwa das Lieferkettengesetz in Deutschland für Furore gesorgt. Es kam nicht überall gut an. Könnten sich Unternehmen nicht durch gesetzliche Regelungen schnell überfordert fühlen – auch mit Blick auf die noch immer andauernde Coronapandemie und deren Folgen?

Holst: Ja und nein. Konkrete Maßnahmen sind gern gesehen, wenn die Lösungen bereits auf dem Tisch liegen oder sie absehbar zu diesen Lösungen führen. Auf der anderen Seite wirken konkrete Maßnahmen überfordernd, wenn die Technologiepfade dazu noch nicht bekannt sind. Ein sehr plakatives Beispiel: Wäre vor 20 Jahren der Verbrennungsmotor in der Automobilbranche verboten worden, hätte das für erhebliche Furore gesorgt. Heute, mit hinreichend bekannten alternativen Antriebsformen, geht es um bereits getätigte ‚Legacy‘-Investitionen sowie neue Infrastruktur und ressourcenschonende Skalierbarkeit der neuen Technologien. Aber im Wesentlichen sind die technologischen Entwicklungspfade klar.

Welche Länder und Regionen sind mit Blick auf die Klimaziele aktuell besonders weit?

Holst: Bis heute kann leider kein einziges Land als hinreichendes Vorbild dienen. Selbst wenn alle Länder so konsequent wie Dänemark, Schweden oder Norwegen wären – es würde nicht ausreichen, um ein gefährliches Ausmaß des Klimawandels abzuwenden. Diese drei Länder führen den Climate Change Performance Index (CCPI) 2022 an. Der allgemein anerkannte CCPI bewertet rund 60 Länder, die zusammen mehr als 90 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantworten, nach ihrer Umsetzung der Pariser Klimavereinbarungen. Weit oben rangieren außerdem das Vereinigte Königreich und Marokko. Am Ende der Liste stehen Taipei, Kanada, Iran, Saudi-Arabien und Kasachstan. Die Gründe für hierfür sind vor allem innen- und außenpolitische Interessen der jeweiligen Regierungen und Regime.

Was waren die größten Streitpunkte beim 26. Klimagipfel in Glasgow?

Holst: Die größten Streitpunkte waren der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, für Deutschland insbesondere der Kohle-Ausstieg, die Ausgleichszahlungen für den globalen Süden, die neuerdings jährliche Übermittlung von Klimaschutz-Zielen (NDCs) sowie die Etablierung eines globalen Carbon-Trading-Rahmens. Darüber hinaus gab es aber auch viele kleinere inkrementelle Streitpunkte und Verbesserungen.

Welche Auswirkungen werden die Beschlüsse des Klimagipfels auf die deutsche Wirtschaft haben?

Holst: Die neue Bundesregierung hat die Aufgabe, die Beschlüsse von COP26 über die kommenden drei bis vier Jahre in der Gesetzgebung zu verankern. Sie muss auch einen Weg finden, den deutschen Unternehmen Sicherheit in ihren Klimainvestitionen bis 2030 und darüber hinaus zu geben. Die deutsche Wirtschaft sollte wie auch schon in den letzten Jahren weiter in die Klimatransformation investieren – vor allem in den Sektoren erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Bei der Effizienz der Maßnahmen könnte die Digitalisierung bis 2030 bis zu 60 Prozent der deutschen Klimaziele ermöglichen. Hier werden allerdings Zuschüsse vom Bund notwendig.

Was sind die größten Herausforderungen, mit denen deutsche Mittelständler beim Thema Klimaschutz zu kämpfen haben?

Holst: Der Mittelstand hat insbesondere mit Datentransparenz zu kämpfen, vor allem wenn es um Scope-3-Emissionen geht. Herausfordernd sind aber auch die mit dem Klimaschutz verbundenen Kosten im internationalen Wettbewerb und die internationale Umsetzung. Außerdem sind oft das Wissen und die personellen wie finanziellen Ressourcen eine Schwierigkeit, um beispielsweise eine konsistente Methodik aufzustellen und umzusetzen.

Welchen Rat geben Sie Mittelständlern, die Nachhaltigkeit forcieren und damit nicht nur der Umwelt einen Gefallen tun, sondern auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern wollen?

Holst: Nachhaltigkeit im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit anzugehen ist ein sinnvoller Weg. Wer der Umwelt aus ethischen Gründen einen Gefallen tun will, sollte kritisch hinterfragen, ob Risiken und Chancen der Nachhaltigkeit für das eigene Unternehmen hinreichend gründlich bewertet wurden: Potenzielle Umsätze, Markendifferenzierung, Kosteneinsparungen und Mitigation von Risiken. Wer diesen Zusammenhang nicht sieht, sollte dafür auch keine Ressourcen in die Hand nehmen.

17.11.2021    Miriam Rönnau
  • Drucken
Zur Startseite