Visionär denken und handeln

Gründen im Health-Sektor, der vom Gesetzgeber stark reguliert ist – das ist ein Mammutprojekt. Doch immer mehr Personen trauen sich. Was treibt Gründerinnen und Gründer im Gesundheitswesen an, und wie kann ein Start-up erfolgreich werden?

Inhalte
Gastbeitrag von Brigitte Zypries

Gründen mit Purpose

Brigitte Zypries

Bundesministerin a.D.

Warum Health-Start-ups aktuell boomen – und mit welchen Herausforderungen Gründende in dem Sektor konfrontiert werden

Die Start-up-Szene steckt in der Krise. Im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2021 ist die Gründungsaktivität von Januar bis Juni 2022 um sieben Prozent gesunken. Erstmals seit 2019 gingen die Neugründungen laut Bundesverband Deutsche Start­ups damit zurück. Als Ursache wurden die diversen globalen Krisen ausgemacht. Von dieser Entwicklung scheint allerdings eine Branche unberührt: Um 17 Prozent haben die Neugründungen im Health-Bereich zugenommen. Zum ersten Mal sind damit im Gesundheitswesen mehr Start-ups entstanden als im Softwaresektor.

Hohe Hürden bei der Gründung

Dass die Medizin inzwischen der Bereich mit der größten Gründungsaktivität hierzulande ist, kommt nicht von ungefähr. Gesundheit ist ein Thema, das alle betrifft. Wer in dieser Sparte Innovatives schafft, kann damit einen enormen gesellschaftlichen Impact haben. Und dass es einen großen Bedarf vor allem an digitalen Tools gibt, hat uns die Coronapandemie gezeigt.

Vielfach sind die Gründenden selbst Ärztinnen und Ärzte. Sie kennen also das System und dessen Mängel. Daher versuchen sie, Lösungen zu entwickeln, die entweder ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen die tägliche Arbeit erleichtern oder Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten besser befriedigen, als das bis dato möglich ist. Dadurch wird der Health-Sektor zunehmend zu einem Consumer-Markt.

Einzellösungen reichen nicht

Durchsetzen werden sich an diesem Markt die patienten­zentrierten Angebote, die den größten Nutzen und die simpelste Bedienbarkeit versprechen. Der Haken an der Sache: Die Hürden zur Gründung im medizinischen Bereich sind hoch. Unzählige Regularien machen es zum Glücksspiel, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung am Ende wirklich genutzt werden kann.

Das sind dann zudem nur singuläre Lösungen. Die sind gut und wichtig, um neue Impulse zu geben und um zu zeigen, was technisch machbar wäre. Aber diese Einzellösungen reichen nicht, um das gesamte Gesundheitssystem umzubauen. Hier lohnt der Blick über den Tellerrand: Israel beispielsweise ist uns an vielen Stellen bei der Transformation des Gesundheitswesens deutlich voraus. Dort wurde schon vor mehr als 20 Jahren begonnen, Gesundheitsdaten systematisch zu erheben. Eingesetzte Systeme sind interopera­bel, die Leistungserbringer sind dadurch miteinander verbunden. Etwas, wovon wir noch weit entfernt sind.

Fortschritt im Gesundheitssektor

Wie der Wandel gelingen kann

Die privaten Krankenversicherungen nehmen Innovationen ernst. Sie kommen etwa frühzeitig für neue Medikamente oder Behandlungen auf. Zudem fördern sie aktiv Start-ups aus dem Gesundheitsbereich, stellen erhebliche Mittel bereit.

Deutschlands Gesundheitssystem ist durch Wettbewerb geprägt. Es konkurrieren die privaten Krankenversicherungen (PKV) mit den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) um Kunden und Mitglieder. Als einen Wettbewerbsvorteil hat die PKV schon längst ein gefragtes Thema für sich entdeckt: „Wir bringen Innovationen, also neue Lösungen, schnell in den Markt“, sagt Dr. Ralf Kantak, Vorsitzender des PKV-Verbands. „Wir unterliegen – anders als die GKV – keinen Genehmigungsvorbehalten oder Budgetlimitierungen. Was medizinisch anerkannt und notwendig ist, wird auch bezahlt.“

Genehmigungen brauchen in der GKV lange

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Mehr im Video! Beim BIG BANG HEALTH 2022 sprachen Dr. Ralf Kantak (PKV-Verband), Christian Lautner (Heal Capital) und Dr. Arne Peine (Clinomic) über Business-Ideen und Investments in Innovationen

In der GKV dagegen müssen Innovationen einen aufwendigen Genehmigungsprozess durchlaufen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bestimmt mithilfe von Richtlinien, welche medizinischen Leistungen die gesetzlich Versicherten erhalten können.

Im G-BA sitzen Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankhausgesellschaft und des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen. Bis das Gremium Entscheidungen fällt, vergehen zuweilen Jahre, wie eine Studie des Lehrstuhls für Medizin­management an der Universität Duisburg-Essen im Auftrag des PKV-Verbands dokumentierte.

Investments in Innovationen

Beim Verband ruht man sich allerdings nicht auf dem systemischen Vorteil aus, sondern geht in die ­Offensive: 2020 wurde der Venturecapital-Fonds Heal Capital ins Leben gerufen, für den 22 private Krankenversicherungen rund 100 Millionen Euro zur Verfügung stellten. Investiert wird in Start-ups, die an digitalen Gesundheitsinnovationen arbeiten. Ein aufwendiges Geschäft: „Wenn wir in ein Unternehmen investieren, haben wir uns zuvor 300 Firmen angeschaut“, sagt Christian Lautner, Managing Partner und Investor bei Heal Capital.

Die Experten gehen auf die Suche, vielfach gibt es auch direkte Anfragen von Start-ups. „Ein Unternehmen muss die Chance aufweisen, richtig groß zu werden. Also prüfen wir, ob die Firmen an relevanten Versorgungsthemen arbeiten und ob das Team voraussichtlich in der Lage ist, ein solches Wachstum zu realisieren“, so Lautner. „Die PKV will mit dem Fonds dazu beitragen, dass digitale Innovationen schneller in der Versorgung ankommen“, betont Kantak. 

Bislang hat der Fonds in zwölf Start-ups investiert, 20 sollen es werden. Lautner: „Beim Einstieg investiert Heal Capital zwischen zwei und vier Millionen Euro, später soll mit weiteren Zahlungen Wachstum ermöglicht werden.“ 

In wen Heal Capital investiert hat

Investiert hat Heal Capital etwa in AVI ­Medical. Die Münchner erstellen vollständig digital-integrierte Arztpraxen für Allgemeinmedizin. Die Behandlung erfolgt per Video, die Kommunikation per Chat und die qualitative Therapie vor Ort. Einige solcher Praxen sind bereits eröffnet; bis zu 100 sollen es werden.

Ein weiteres Investment: Moray Medical aus den USA erleichtert Herzchirurgen die Arbeit. Mit dem schlangenartigen Roboter-Katheter Coral können Herzerkrankungen viel präziser behandelt werden.

Ein anderer Schützling des Fonds ist Actio. Die Berliner erstellen eine Coaching-App, die Menschen dabei hilft, gesunde Routinen zu entwickeln. Sie bieten Achtsamkeits- und Fitnesskurse mit echten Coaches an.

„Mona, zeig mir die Patientendaten“

Auch Dr. Arne Peine treibt den digitalen Fortschritt in der Medizin voran. Er gründete gemeinsam mit Dr. Lukas Martin als Spin-off der RWTH Aachen das Unternehmen Clinomic. Ihr Kernprodukt ist Mona – ein Medical On-Site-Assistant, ein intelligentes und sprachgesteuertes Assistenzsystem für die Intensivmedizin.

Chief Innovation Manager Peine sagt: „Ich habe selbst lange als Arzt auf Intensivstationen gearbeitet. Dort gab es immer die gleichen Probleme: Wir verbrachten einen großen Teil unserer Arbeitszeit vor dem Computer, meist vor riesengroßen Excel-Tabellen mit Tausenden von Datenpunkten. Deshalb fehlte viel Zeit für die wichtige Patientenversorgung.“

Jetzt sorgt Mona für Abhilfe. „Mona bündelt die Daten und bereitet sie mithilfe von Algorithmen für den Arzt auf. Mona kann somit die Entscheidungen über Behandlungen am Patientenbett unterstützen“, sagt der technische Visionär. „Auf Basis Künstlicher Intelligenz können wir beispielsweise abschätzen, wie sich Laborwerte eines Patienten in der Zukunft verhalten können.“

Den Standortvorteil für die Produktion in Deutschland nutzen

Clinomic wurde vor gut drei Jahren gegründet und hat bereits mehr als 60 Mitarbeitende. Alle Geräte werden in Deutschland produziert. „Das hat nicht nur qualitative Vorteile, sondern schließt gleichzeitig auch ­Probleme mit den Lieferketten aus“, so Peine.

Sein Unternehmen bietet auch Tele-Intensivmedizin an. Fachkräfte aus dem ärztlichen und pflegerischen Bereich arbeiten mit Krankenhausteams vor Ort virtuell zusammen, um jeder schwer kranken Person im richtigen Moment helfen zu können. Dies ermöglicht den Zugang zu erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzten und Fachpflegekräften, meist mit universitätsmedizinischem Hintergrund.

Auch Versicherer müssen umdenken

All das führt zu einem enormen Datenaufkommen, das etwa für Diagnosezwecke genutzt werden kann. Clinomic gehört zwar nicht zu den Heal-Capital-Unternehmen, „wurde aber wie andere Firmen von der PKV mit Vergütungsvereinbarungen unterstützt“, betont Kantak im Panel-Talk beim BIG BANG HEALTH-Festival in Essen.

Der PKV-Verbandschef weiter: „Früher reichte der Versicherte eine Rechnung ein, die dann bezahlt oder eben abgelehnt wurden. Heute genügt dies nicht mehr. Wir kümmern uns um die Gesundheit der Versicherten, ob durch die Förderung von Innovationen oder auch mit Prävention. Wir können unter anderem dafür sorgen, dass Kranke schneller gesund werden, und wir machen Zweitmeinungsverfahren möglich.“ Und er bringt es auf den Punkt: „Unser aller Ziel ist  es doch, lange zu leben und dabei gesund zu leben.“

Interview

Herr Kantak, wie fördern Sie Innovationen?

Dr. Ralf Kantak

Vorsitzender des PKV-Verbands

Ohne Innovationen gibt es keinen Fortschritt. Ob neue Medikamente oder Behandlungsmethoden – in der Medizin muss ständig daran gearbeitet werden, die Versorgung zu verbessern. Die privaten Krankenversicherer (PKV) haben sich dieser Aufgabe ebenfalls angenommen, wie Dr. Ralf Kantak, Vorsitzender des PKV-Verbands und Chef der Süddeutschen Krankenversicherung, beschreibt.
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Mehr im Video! Schauen Sie sich jetzt die komplette Keynote von Dr. Ralf Kantak vom PKV-Verband beim BIG BANG HEALTH 2022 an


Wie steht es um das deutsche Gesundheitssystem, kann es sich im internationalen Vergleich sehen lassen?
RKWir können froh sein, dass wir in Deutschland leben, denn wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Und die Menschen wissen das zu schätzen. Wir verzeichnen zurzeit hohe Zufriedenheitswerte. Dies heißt allerdings nicht, dass wir uns darauf ausruhen können. Wir müssen weiter in die Forschung investieren.
Nennen Sie bitte ein Beispiel.
RKNehmen Sie den viralen Überfall vor gut zweieinhalb Jahren – die Coronapandemie. Da wurden in Rekordzeit Vakzine entwickelt. So etwas dauert sonst 15 Jahre und länger. Heute sind in Deutschland fünf Impfstoffe zugelassen. Die mRNA-Technologie hat sich als Game­changer erwiesen, die dazu beigetragen hat, dass wir so schnell vorangekommen sind.
Welche anderen Beispiele gibt es noch für wichtige Innovationen im Gesundheitswesen?
RKEtwa die Behandlung von Leukämie. Noch in den 1970er-Jahren war dieser Befund für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren das Todesurteil. Heute liegen die Heilungschancen bei über 85 Prozent. Das zeigt, wie wichtig Innovationen sind. Die PKV entwickeln die Innovationen nicht, aber wir schaffen die Rahmenbedingungen. Das ist für uns ein Antrieb. Und wir sorgen dafür, dass Innovationen möglichst schnell in die Versorgung kommen und wirksam werden.
Inwiefern?
RKWir haben in Deutschland mit den privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen ein duales System. Wenn es um die Einführung neuer Medikamente oder innovativer Behandlungsmethoden geht, unterliegt die PKV – anders als die gesetzlichen Krankenversicherungen – keinerlei Genehmigungsvorbehalten oder Budgetlimitierungen. Was medizinisch anerkannt und notwendig ist, wird auch bezahlt. Und das wirkt eben wie ein Türöffner, Innovationen frühzeitig einzuführen.
Also ein Nachteil für gesetzlich Versicherte?
RKNein, das ist gut für alle Menschen. Wir haben einen Leistungswettbewerb, und der belebt das Geschäft. Jedes Jahr wechseln mehr als 300.000 Menschen zwischen den Systemen. Wenn ein Anbieter eine Innovation einführt, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass der andere nachzieht. Jeder versucht, sich gut zu positionieren. In aller Regel führt zunächst die PKV eine Innovation ein, mit zeitlicher Verzögerung zieht die gesetzliche Krankenversicherung nach. Das Ganze geschieht in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, die Innovation einzuführen, einer evidenzbasierten Qualitätssicherung und der Kostenkontrolle. Wir sehen uns deshalb in einer Vorreiterrolle und als Antreiber guter Gesundheit.
Wie steht diesbezüglich das deutsche Gesundheitssystem da?
RKDie deutschen Patientinnen und Patienten haben einen deutlich schnelleren und umfassenderen Zugang als jene in den meisten anderen Ländern. Zum Beispiel bei Krebserkrankungen: Hierzulande dauert es im Schnitt 82 Tage nach der europäischen Zulassung, bis eine Innovation auf den Markt kommt. Im Durchschnitt der Europäischen Union sind es über 400 Tage.
Viele Innovationen basieren heute auf der Digitalisierung. Wie ist es darum im Gesundheitssektor hierzulande bestellt?
RKDie Qualität der medizinischen Versorgung hängt stark von digitalen Lösungen ab. Deshalb war es uns auch ein Anliegen, im Jahr 2020 den Wagniskapitalfonds Heal Capital zu gründen, für den private Krankenversicherer rund 100 Millionen Euro bereitstellten. Investiert wird in Start-ups, von denen wir erwarten, dass sie uns mit digitalen Gesundheitsanwendungen nach vorne bringen, und die wir deshalb unterstützen wollen. Das reicht von Messengerdiensten für Mediziner über digitale Arztpraxen bis hin zu Portalen zur diagnostischen Ersteinschätzung auf Basis Künstlicher Intelligenz.
Wer profitiert davon?
RKNicht nur die PKV-Patienten, sondern alle Menschen in diesem Land. So arbeitet eines der Unternehmen jetzt auch mit einer gesetzlichen Krankenkasse zusammen. Das zeigt, dass solche Entwicklungen in die Breite gehen. Wir unterstützen zudem etwa Start-ups aus dem Bereich Telemedizin. Dass die PKV von Anfang an die Videosprechstunden erstattet hat, ermöglichte erst deren Start auf dem deutschen Markt. Dadurch standen die Angebote schon zur Verfügung, als sie dann während der Pandemie breit genutzt wurden. Und sie sind wichtig, um eine gute medizinische Versorgung auch in ländlichen Gebieten zu gewährleisten. Die elektronische Patientenakte und das elektronische Rezept sind ebenfalls bedeutende Entwicklungen. Das Versen­den von Papier sowie die Dokumentation von Daten auf Papier ist anachronistisch. Da sind andere Länder, etwa im Norden Europas, schon viel weiter, während wir uns vor allem mit dem Datenschutz noch schwertun.



Videocredit: Getty Images/janiecbros

Bildcredits: Big Bang Health/Caroline Schlüter, Big Bang Health/Michael Schwettmann, Getty Images/Vasyl Dolmatov

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