Portraitfoto Hendrik Wüst, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen
17.06.2024    Christian Buchholz
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Unweit des 400 Meter tiefen Braunkohletagebaus Hambach, genauer in Elsdorf, verkündete Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) Mitte Februar, dass Tech-Gigant Microsoft in Deutschland in den kommenden zwei Jahren knapp 3,2 Milliarden Euro in Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) investieren will. Das ist eine Ansage! Im exklusiven DUP-Interview erläutert Wüst, warum er in Zukunft auf KI statt Kohle setzt.

Zur Person

Hendrik Wüst

(CDU) ist seit Oktober 2021 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der Landes-CDU. Zuvor war er Minister für Verkehr des Bundeslandes

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Wie stehen Sie zu Künstlicher Intelligenz?

Hendrik Wüst: Künstliche Intelligenz ist eine riesige Chance. Eine Chance, um Lösungen für große Pro­bleme unserer Zeit zu finden: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Volkskrankheiten. Durch die enorme Beschleunigung in der Forschung werden wir Krebs und Demenz in den nächsten Jahren wesentlich erfolgreicher bekämpfen können. Aber KI kann auch zur Gefahr werden, wenn sie als Waffe und zur Unterdrückung eingesetzt wird – von Kriminellen und von Staaten. Deshalb ist es wichtig, dass KI mit Verantwortung und unter Einhaltung ethischer Grundsätze genutzt wird. Wir brauchen Leitplanken, die weltweit gelten.

Diese Leitplanken kann es nur geben, wenn die westliche Welt die Heimat einer freien KI wird, wenn Europa und die USA die Leitplanken gemeinsam entwickeln. Wir brauchen also eine Werte-Allianz für Künstliche Intelligenz. Ich selbst finde das Thema wahnsinnig spannend. Programme wie ChatGPT können für viele Menschen und Anwendungsfälle eine große Hilfe sein. Die Programme werden in rasender Geschwindigkeit immer besser, das ist schon faszinierend. Aber keine Sorge: Politik machen wir immer noch selbst.

Deutsche Mittelständler beklagen eine überbordende Bürokratie. Wie soll KI in Ihrer Landesverwaltung dabei helfen, Prozesse zu beschleunigen?

Wüst: KI kann uns helfen, effizienter zu arbeiten und schneller auf die Bedürfnisse der Menschen zu reagieren. Beispielsweise automatisiert eine KI die Sortierung und Vorverarbeitung von Anträgen, was die Bearbeitungszeit wesentlich reduziert. Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz von KI-gestützten Chatbots, die den Menschen im Land rund um die Uhr Antworten auf häufige Fragen bieten können. Diese Technologien können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlasten, sodass sie sich verstärkt individuellen Anliegen widmen können. Unser Ziel in Nordrhein-Westfalen ist eine schnellere und zugänglichere Verwaltung, die technologisch an der Spitze steht. Dazu gehört auch der Einsatz von KI.

Inwieweit bremsen europäische und deutsche Datenschutzbestimmungen den flächendeckenden Einsatz von KI in deutschen Behörden aus?

Wüst: Datenschutz und KI sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Der verantwortungsbewusste Umgang mit Daten ist die Grundlage für Vertrauen in neue Technologien. Unsere KI-Anwendungen sind so gestaltet, dass sie den strengen europäischen und deutschen Datenschutzbestimmungen entsprechen. Durch praxistaugliche Anwendungsregeln und transparente KI-Systeme stärken wir dieses Vertrauen weiter. Wir brauchen aber noch mehr Regeln für die Anwendung von KI-Systemen, die praxistauglich und für den rechtssicheren Einsatz in Behörden geeignet sind. Damit können wir das Potenzial von KI auch im Behördenalltag stärker nutzen. Ich sehe Datenschutz als Qualitätsmerkmal und Wettbewerbsvorteil, nicht als Hindernis.

Haben Sie Ihre Digitalisierungshausaufgaben gemacht? Wie steht es um die technische Ausstattung und die Qualifizierung der Mitarbeitenden in den Behörden, wenn es um digitale Prozesse und KI geht?

Wüst: Wir investieren weiterhin in die Digitalisierung unserer Verwaltungen. Und die Einführung Künstlicher Intelligenz ist Teil der Digitalisierung und wird deshalb konsequent in allen aktuellen und zukünftigen Digitalisierungsprojekten mitgedacht. Wir wollen die Chancen und Potenziale, die KI bietet, auch nutzen. Daher bieten wir kontinuierliche Schulungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an und binden sie aktiv in Entwicklungsprojekte ein. Ein Beispiel hierfür ist die Einführung von KI-basierten Systemen in der Dokumentenverwaltung und -bearbeitung. Solche Initiativen verbessern nicht nur die Effizienz, sondern auch die Zufriedenheit der Menschen im Land mit unseren Dienstleistungen. Es ist ein fortlaufender Prozess, aber wir sind auf einem guten Weg, die Verwaltung in Nordrhein-Westfalen digital umzubauen.

Mehr als 14.000 Arbeitsplätze sollen allein im Rheinischen Revier durch das Ende der Braunkohle-Förderung wegfallen. Können diese durch die Investitionen in KI-Rechenzentren aufgefangen werden?

Wüst: Wir spüren das Vertrauen aus Wirtschaft und Industrie: Man glaubt an den Standort Nordrhein-Westfalen. Diese Milliardeninvestitionen tragen dazu bei, die Transformation unserer heimischen Wirtschaft voranzutreiben. Globale Player wie Microsoft investieren nur in den besten Standort. Nordrhein-Westfalen ist jetzt das deutsche Top-Land für Investitionen aus dem Ausland, das zeigt eine aktuelle KPMG-Studie. Wir lassen andere erfolgreiche Industrieländer wie Bayern oder Baden-Württemberg hinter uns. Das spricht für den Standort Nordrhein-Westfalen und unsere Politik der Transformation in der „Digital- und Quantenregion Rheinisches Revier“.

Das bestätigt auch eine aktuelle RWI-Studie: Im Ruhrgebiet wächst demnach die Zahl der Arbeitsplätze mit hohem Zukunftspotenzial dynamisch und stark. Besonders in den Zukunftsberufen im Bereich IT und Softwareentwicklung sehen wir ein starkes Wachstum und stehen auf Position zwei oder drei im Bundesvergleich. Das zeigt: Wir bauen unsere Potenziale in Wirtschaft und Forschung weiter aus, um gute und sichere Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen.

Investitionen wie die von Microsoft schaffen direkte neue Arbeitsplätze, klar. Sie dienen aber vor allem als Beschleuniger für weitere Technologieunternehmen und Start-ups, die sich in der Region ansiedeln möchten. Derzeit arbeiten der Rhein-Kreis Neuss und der Rhein-Erft-Kreis mit Unterstützung des Landes daran, dass zwei Digitalparks in der Digital- und Quantenregion Rheinisches Revier entstehen. Wir wollen die Effekte einer solchen Ansiedlung möglichst weitreichend nutzen und damit gute und sichere Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen. Das ist ein großer Erfolg im Strukturwandel und bietet für die Menschen vor Ort vielversprechende Perspektiven.

Nordrhein-Westfalen geht den Weg von der Kohle zur KI. Wir wollen zur führenden Digital- und Quantenregion werden: einer Region, in der Daten effizient in einer großen Cloud gespeichert und schnell verbreitet werden können. Damit wird das Rheinische Revier nicht nur für zukünftige technologische Investitionen attraktiv, sondern auch für Unternehmen mit datenbasierten Geschäftsmodellen, die eine robuste, innovative Infrastruktur suchen. Wir fördern zudem Weiterbildungsprogramme, die Fachkräfte in der Region für den Umgang mit neuen Technologien schulen. So gestalten wir aktiv die Transformation des Rheinischen Reviers zu einem modernen Technologiestandort mit.

Wie sieht die Integration von KI-Technologien in traditionellen Branchen wie Fertigung, Logistik und Automobilindustrie in Nordrhein-Westfalen aus?

Wüst: Das Land fördert gezielt die Anwendung von KI-Technologien, um die Effizienz und Innovationskraft dieser Schlüsselsektoren weiter zu steigern. In Nordrhein-Westfalen ist die Integration von KI in den traditionellen Branchen der Fertigung, Logistik und Automobilindustrie weit fortgeschritten. Das sehen wir bei dem herausragenden Beispiel des Projekts Datenfabrik.NRW, das speziell KI-Lösungen für die Produktion und Logistik entwickelt. Diese Anwendungen tragen erheblich dazu bei, Betriebsabläufe zu optimieren – etwa durch frühzeitige Wartungsprognosen, die Ausfallzeiten enorm reduzieren.

Ein weiteres innovatives Projekt ist unser Cyber Production Management Lab, das KI und 5G nahtlos in Produktionsprozesse integriert. In Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen verbessern wir so die Präzision der Produktionssteuerung, was nicht nur Energie und Ressourcen spart, sondern auch die Produktqualität steigert. Unsere landeseigene zentrale Anlaufstelle KI.NRWunterstützt zum Beispiel Handwerksbetriebe bei der digitalen Transformation: KI.NRW bietet maßgeschneiderte KI-Lösungen an, die Prozesse von der Materialbeschaffung bis zur Auftragsabwicklung optimieren.

Diese Initiativen zeigen deutlich: Wir setzen Nordrhein-Westfalen weiterhin als führenden Innovationsstandort in Deutschland auf die Karte. Sie sind ein klarer Beweis für die starke Innovationskraft unseres Landes.

2023 lag NRW in der Rangfolge der KI-Start-ups mit 9,6 Prozent weit hinter Berlin (32,5 Prozent) und Bayern (24,6 Prozent). Wie wollen Sie Ihr Bundesland für innovative KI-Unternehmen attraktiver machen?

Wüst: Eine Untersuchung des Bundeswirtschaftsministeriums zu KI-Start-ups in Deutschland sieht Nordrhein-Westfalen tatsächlich an zweiter Stelle. Fest steht aber: Es ist noch Luft nach oben. Und wir sind entschlossen, unser Land zum führenden Standort für KI-Start-ups in Europa zu machen. Wir haben mit einer starken Industrie, exzellenter Forschungsinfrastruktur und einer zentralen Lage in Europa die besten Voraussetzungen. Diese Vorteile wollen wir nutzen, um ein dynamisches Ökosystem zu schaffen, das junge Unternehmen nicht nur unterstützt, sondern aktiv fördert.

Wir wollen dafür die Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups stärken. Wir arbeiten eng mit lokalen Banken, privaten Investoren und Fördereinrichtungen zusammen, um den Start-ups den notwendigen finanziellen Rückhalt zu geben. Zudem fördern wir durch öffentliche Programme nicht nur die Gründung neuer Unternehmen, sondern auch deren nachhaltiges Wachstum. Durch die Kooperation mit Universitäten und Fachhochschulen sowie durch internationale Austauschprogramme bauen wir zudem ein Reservoir an hochqualifizierten Fachkräften auf, die für die Entwicklung und das Wachstum von KI-Unternehmen in Land wesentlich sind.

Stichwort Fachkräfte: Nach der Ausbildung in Deutschland und Europa wandern viele hochqualifizierte Talente zum Beispiel in die USA aus. Wie wollen Sie in Zukunft die KI-Expertinnen und -Experten für Forschung, Entwicklung und Anwendung nach Nordrhein-Westfalen holen bzw. dort halten?

Wüst: Die dynamische Startup-Szene in unserer Region zieht bereits jetzt Talente aus aller Welt an. Die Fachkräfte, die zu uns kommen, finden hier attraktive Arbeitsbedingungen, erstklassige Forschungseinrichtungen und ein innovatives Unternehmensumfeld. Zusätzlich fördern wir internationale Partnerschaften mit renommierten Universitäten und Forschungsinstituten und wollen Anreize für KI-Experten schaffen, ihre Karriere hier zu starten und fortzusetzen.

Angesichts des demografischen Wandels ist es auch unumgänglich, stärker auf ausländische Fachkräfte zu setzen. In den letzten Monaten haben wir daher Absichtserklärungen mit unseren Partnerländern Indonesien und Indien unterzeichnet, die eine faire und nachhaltige Fachkräftegewinnung fördern sollen. Besonders die Kooperation mit Indien, einem führenden Land in der IT-Ausbildung, wird erwartungsgemäß zu einem Zuzug von hochqualifizierten IT-Fachkräften führen. Aktuelle Gespräche mit dem Handwerk und den Kammern zielen darauf ab, diese Kooperationen noch in diesem Jahr konkret umzusetzen.

Microsoft hat auch KI-Qualifizierungsoffensiven für Nordrhein-Westfalen angekündigt. Warum überlassen Sie die Ausbildung von Talenten einem Unternehmen mit eigenen privatwirtschaftlichen Interessen?

Wüst: Wir arbeiten Hand in Hand mit privaten Unternehmen, um die besten Möglichkeiten für die Menschen im Land zu schaffen. Die Qualifizierungsprogramme, die ein Weltkonzern wie Microsoft anbietet, sind eine Bereicherung für unser Land. Aber sie ersetzen nicht unsere eigenen Anstrengungen in der Bildung und Weiterbildung. Sie sind vielmehr ein Beispiel dafür, wie öffentlich-private Partnerschaften funktionieren können, um das Bildungsangebot insgesamt zu erweitern und zu verbessern.

Sind die strengen europäischen Datenschutzregulierungen und der EU AI Act also doch kein Wettbewerbsnachteil, sondern ein Beschleuniger für Investitionen von großen internationalen Tech-Konzernen in Deutschland und Europa?

Wüst: Wir sollten die Datenschutzregulierungen der EU und den AI Act nicht als Barrieren verstehen. Im Gegenteil: Sie sind vielmehr ein Qualitätsmerkmal, das Europa und speziell Deutschland als sicheren Hafen für die Datenverarbeitung positioniert. Diese Regelungen schaffen Vertrauen bei den Nutzern und sind entscheidend für die nachhaltige Entwicklung der KI-Technologie. Auch große Tech-Konzerne sehen die Regelungen als Vorteil: Es hilft ihnen, globale Standards zu setzen und zu halten.

Welche strategischen Partnerschaften streben Sie neben dem Microsoft-Investment an, um die KI-Entwicklung in NRW stärker zu fördern?

Wüst: Wir setzen in Nordrhein-Westfalen auf eine enge Vernetzung mit Hochschulen und Forschungsinstituten. Exzellenz in Forschung und Wissenschaft – dafür steht Nordrhein-Westfalen. Unsere Initiative „KI.NRW“ ist nur ein Beispiel dafür, wie wir die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft stärken. Wir erweitern unser Netzwerk an strategischen Partnerschaften, um Spitzenforschung in Nordrhein-Westfalen und die Transformation unserer Wirtschaft weiter voranzutreiben.

Welche Impulse erwarten Sie sich von der Bundesregierung, um die Wirtschaft in Deutschland wieder auf Wachstumskurs zu bringen?

Wüst: Deutschland steckt in einer Rezession. Das spüren die Menschen im Land, und das spüren die Fachkräfte in den Unternehmen. Wir brauchen einen wirtschaftspolitischen Neustart. Drei Dinge sind zentral, um Arbeitsplätze, Wohlstand und sozialen Frieden zu sichern: Verlässlichkeit, Vertrauen und Innovation. Das gilt auch für den Bereich KI-Förderung: Ich erwarte von der Bundesregierung eine klare und fortschrittliche Digitalpolitik, die den Breitbandausbau vorantreibt, digitale Bildung fördert und Start-ups unterstützt. Wir müssen jetzt Anreize für Forschung und Entwicklung in Schlüsseltechnologien wie KI und Quantencomputing setzen. Wir dürfen hier international nicht den Anschluss verlieren. Die Bundesregierung muss ins Handeln kommen, um Deutschland als Wirtschaftsstandort attraktiv zu halten und zukunftsfähig zu machen.

Angenommen, Sie würden im Herbst 2025 zum Bundeskanzler gewählt: Welche drei Maßnahmen würden Sie als erstes ergreifen?

Wüst: Wenn die Union im Herbst 2025 den Bundeskanzler stellt, müssen wir den Ausbau von digitaler Infrastruktur und die Einbindung von KI in unser Gesundheitssystem und Forschung noch viel stärker vorantreiben – vor allem im Kampf gegen Volkskrankheiten wie Krebs und Demenz haben wir noch ein riesiges ungenutztes Potenzial. Gleichzeitig gibt es Risiken. Die liberalen Demokratien der Welt sollten einig darin sein, dass wir eine gemeinsame Grundlage zur Anwendung von KI brauchen. Nicht jedes Detail muss geregelt sein, aber die grundlegenden Leitplanken müssen klar sein, auch um Vertrauen haben zu können in diese Technologie und für Vertrauen glaubhaft werben zu können.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo steht Deutschland technologisch und wirtschaftlich im Jahr 2034?

Wüst: Ich sehe Deutschland 2034 als eine führende Nation in Sachen Technologie und Innovation. Mit einer starken Industrie 4.0, führend in KI, erneuerbaren Energien und Quantencomputing. Wirtschaftlich wird Deutschland durch eine hohe Innovationsrate und eine solide industrielle Basis robust und wettbewerbsfähig sein. Unser Bildungssystem wird hochmoderne Technologien integrieren und eng mit der Industrie vernetzt sein, um den Fachkräftebedarf sicherzustellen.

17.06.2024    Christian Buchholz
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