An ein hellblaues Hemd ist Etikett mit der Aufschrift
14.04.2021    Mark Simon Wolf
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Handelsunternehmen KiK

Textilhandel: So sehr wirft Corona erreichte Standards zurück

KiK und Nachhaltigkeit – passt das zusammen? Ja, meinen CEO Patrick Zahn und CSR-Leiter Ansgar Lohmann. Im DUB Digital Business Talk berichten sie über etablierte Standards, Transparenz und die Verantwortung von Unternehmen sowie der Politik in Zeiten von Corona. Nachhaltig stark wolle man aus der Pandemie hervorgehen.

 

Ein Wort zur aktuellen Situation: Wie kritisch sehen Sie die Lockdown-Politik, die Sie mit Ihrem Fokus auf den stationären Handel ja ins Mark trifft?

Patrick Zahn: Wir erleben aktuell doch eine einseitige Schließung des Nonfood-Handels. Wenn man einen Lockdown macht, dann muss man ihn richtig machen und nicht so halbherzig.

Muss KiK durch die coronabedingten Einbußen nun auch Abstriche in der Nachhaltigkeitsstrategie machen?

Zahn: Nein, das müssen wir nicht. Das hieße ja, dass man Nachhaltigkeit nur mit Blick auf die Rendite praktiziert. Wir engagieren uns aus Überzeugung. Die aktuellen Einschränkungen haben jedoch Einfluss auf unseren Handel und damit auch auf unsere Produktionsländer. Was uns Sorgen macht, ist, dass wir diese derzeit nicht bereisen können, um unsere Nachhaltigkeitsanforderungen zu überprüfen.

Fehlt Ihnen damit aktuell der Einblick in das, was in Ihrer Lieferkette passiert?

Ansgar Lohmann: Die Pandemie hat die Beschaffungsländer sehr hart getroffen. In Bangladesch zum Beispiel ist die Auftragslage gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent zurückgegangen. Bis zu 100.000 Menschen haben dort ihre Arbeit verloren. Weder wir noch die von uns engagierten Prüfinstitute können die Länder besuchen. Wir befürchten daher, dass sich die Nachhaltigkeitsstandards und -methoden, die wir vor Ort von den Lieferanten einfordern, in den vergangenen Monaten um zwei bis drei Jahre zurückentwickelt haben. Wir können derzeit nur hoffen, dass sich der Nachhaltigkeitsgedanke künftig stärker als ein Wettbewerbskriterium durchsetzt und dann seitens der Lieferanten selbstständig verfolgt wird.

Was unternehmen Sie gegen dieses Problem – auch finanziell?

Lohmann: Wir haben uns „Call to Action“, einer Initiative der Internationalen Arbeitsorganisation, angeschlossen, die sich bei Regierungen dafür einsetzt, dass die Arbeitskräfte in den Produktionsländern ihren Lohn und soziale Absicherungen erhalten.

Zahn: Außerdem sind wir zusammen mit einem schwedischen Einzelhandelsunternehmen ein Treiber dafür, dass gewisse Standards in Bezug auf Gebäudesicherung und Unfallversicherung eingehalten werden. Wir sind bereit, dafür noch einmal Geld zur Verfügung zu stellen. Aber etwas zu korrigieren ist immer aufwendiger als ein Neuaufbau. Dieser Vorgang wird uns, wenn wir wieder in die Länder reisen können, umfangreich beschäftigten.

KiK bietet einerseits den günstigsten Preis an und setzt andererseits gleichzeitig auf Nachhaltigkeit, wie passt das zusammen?

Lohmann: Discount ist per se nachhaltig. Wir versuchen, kostendämpfende Maßnahmen in unserer Lieferkette durchzusetzen. Wir bieten unseren Lieferanten Flexibilität an, gewähren ihnen zum Beispiel zehn Monate Zeit, ihre Aufträge abzuwickeln, und setzen bei 70 Prozent unseres Textilsortiments auf Materialien, die ganzjährig verfügbar sind. Weiterhin transportieren wir die Ware ausschließlich mit Schiffen. Außerdem sparen wir im Marketing; zum Beispiel gibt es bei uns keine Werbeprospekte mehr.

Sie fahren offensiv eine Nachhaltigkeitsstrategie und sehen sich gleichzeitig aber auch immer wieder Vorwürfen ausgesetzt. In Ihrem Nachhaltigkeitsbericht 2019 haben Sie betont, dem über Transparenz entgegenzuwirken. Wie stellen Sie das an?

Zahn: In unseren ersten zwölf Jahren stand der Wachstumsgedanke im Vordergrund. Dann gab es die zwei verheerenden Unglücke in den Produktionsstätten in Bangladesch und Pakistan, für die vor allem wir öffentlich als Synonym standen. Daraufhin haben wir unsere gesamte Nachhaltigkeitsstrategie auf den Prüfstand gestellt und verändert. Wir sind der Initiative „Accord“ beigetreten, die nationale und internationale Stakeholder in Bangladesch zusammenbringt und für Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen in der Kleidungsherstellungsindustrie sorgt. Wir möchten in allen Bereichen der Nachhaltigkeit im führenden Segment sein.

Bitte ein Zwischenfazit: Wurden die im aktuellen Bericht formulierten Ziele und Maßnahmen erreicht oder verfehlt?

Lohmann: Als kurzfristiges Ziel konnten wir zum Beispiel den Anteil an Naturfasern innerhalb eines Jahres stetig erhöhen, sodass unser Sortiment nun aus vier Millionen Teilen Biobaumwolle besteht. Mittelfristig sind wir weiterhin Mitglied bei „Accord“ in Bangladesch und setzen uns auch für die Umsetzung solcher Abkommen in anderen Ländern ein. Für unsere langfristigen Ziele, die wir in einem Zeitraum von drei Jahren angesetzt haben, verläuft die Umsetzung planmäßig. Zum Beispiel konnten wir bereits 15 Prozent unseres Lieferantenpools Textil nach DIN ISO 14001 zertifizieren. Zudem erfüllen wir die Vorgaben des Textilbündnisses zu 100 Prozent und haben unsere eigene Roadmap 2020 transparent nach internationalen Standards veröffentlicht.

Wie stehen Sie zum Lieferkettengesetz?

Lohmann: Das Gesetz muss wettbewerbskonform auf ganz Europa ausgeweitet werden. Es kann nicht sein, dass KiK die Standards einhält, aber andere europäische Unternehmen eben nicht. Ein weiterer Aspekt ist das Thema Rechtssicherheit. Die Missstände in einer Lieferkette sollten nicht ausschließlich dem Interpretationsspielraum von Nichtregierungsorganisationen obliegen.

Zahn: Wichtig bei dieser Diskussion ist, dass ein Unternehmen nicht die Aufgaben eines Staates übernehmen kann. Ziel sollte es doch sein, diese Standards langfristig in Staaten wie Bangladesch zu etablieren beziehungsweise sie in die Lage zu versetzen, dass sie entsprechende Sicherungssysteme für die Bevölkerung eigenständig aufbauen können.

Große Unternehmen – große Verantwortung: Inwieweit empfinden Sie die Notwendigkeit, in Sachen Nachhaltigkeit voranzugehen?

Zahn: Unser Verständnis von Nachhaltigkeit sichert entlang unserer Lieferkette Arbeitsplätze und die Teilhabe an Konsumprozessen selbst mit kleinem Budget. Und dies unter Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten auch im globalen Süden. Hier sehen wir als großes Unternehmen eine besondere Verantwortung. Allerdings gilt es ebenfalls zu bedenken, dass die Lieferanten in Bangladesch nicht auf Unternehmen wie KiK warten. Im internationalen Vergleich haben wir nicht wirklich großes Gewicht. Zudem gibt es für uns starke Konkurrenz aus China oder Russland, die im Zweifel mit deutlich geringeren Standards dort produzieren lassen.

Welche Rolle spielen da die Belastungen im Zuge von Pandemie und Lockdown?

Zahn: Wie Sie wissen, haben wir als großes Unternehmen erst einmal gar keine wirklichen Hilfen bekommen. Wir haben maximal drei Millionen Euro im Monat bekommen. Aber nur zum Vergleich: In Deutschland haben wir allein Mietkosten in Höhe von 13 Millionen Euro. Fazit: Wenn große Unternehmen in allen Dingen stets mehr belastet werden, sind sie irgendwann keine großen Unternehmen mehr. Große, starke Schultern müssen Standards setzen und vorangehen – ja, aber eben auch nur bis zu einem bestimmten Grad. Ab einer gewissen Größe fallen sie durch alle Raster. Das ist in Deutschland leider stark ausgeprägt. Und wenn wir bei Themen wie Nachhaltigkeit vorweggehen wollen und sollen, aber in der Pandemie keine Hilfen erhalten, beißt sich das irgendwann.

14.04.2021    Mark Simon Wolf
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