Colorierte Illustration eines Portraits von Dr. Harald Vogelsang, dem CEO der Haspa.
24.02.2022    Christian Buchholz
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Die Hamburger Sparkasse (Haspa) ist nicht nur Deutschlands größte Sparkasse, sie ist auch ein Innovationstreiber. Vorstandssprecher Dr. Harald Vogelsang begeistert sich für digitale Möglichkeiten und Innovationen außerhalb des Kerngeschäfts. Neue Konkurrenten nimmt er ernst.

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Zur Person

Dr. Harald Vogelsang

ist seit 2007 Vorstandssprecher der Hamburger Sparkasse (Haspa). Er absolvierte eine Banklehre bei der Commerzbank und kam nach einem Jurastudium 1991 zur Haspa

Der Service der Banken – vor allem in den Filialen – wird immer teurer. Das einst so erfolgreiche Geschäftsmodell der Sparkassen muss sich deshalb verändern. Wurde die Haspa also zur Digitalisierung gezwungen?

Harald Vogelsang: Die Digitalisierung verändert die Finanzbranche gewaltig. Für uns ist sie aber auch eine Chance, das Beste aus zwei Welten zu vereinen – aus der digitalen und aus der unmittelbaren Nähe zu unseren Kunden, der stationären Welt. Wir wollen die beste digitale Bank mit den besten Filialen werden. Deshalb investieren wir kräftig. Sicherlich zwingt die Digitalisierung uns ein Stück weit dazu. Aber wir machen das aus Begeisterung, weil wir in der Digitalisierung große Chancen sehen.

Mit Haspa Next hat Ihre Bank ein Digital Competence Center aufgebaut. Was passiert dort?

Vogelsang: Wir haben Haspa Next im Jahr 2017 gegründet. Es ging zunächst um Innovationen, die außerhalb unseres Kerngeschäfts liegen. Inzwischen hilft sie uns auch bei Innovationen für das Kerngeschäft. Haspa Next bringt uns aber zugleich dichter an die jungen Kunden heran und ist ein sehr gutes Rekrutierungsvehikel, um Digital Natives für uns zu gewinnen. Denn die würden sonst wohl eher nicht zu einer Bank mit klassischen Strukturen kommen. Haspa Next ist so ähnlich aufgebaut wie ein Start-up und tickt genauso. Dort weht ein anderer Wind. Wir versuchen jetzt, diese Aspekte auch in die Kernbank zu übertragen.

Immer mehr Menschen nutzen ihr Smartphone zum Zahlen. Große Digitalkonzerne wie Apple, Amazon oder Google bieten längst eigene Bezahldienste an. Haben Sie Respekt vor dieser Konkurrenz?

Vogelsang: Definitiv habe ich Respekt vor diesen Megaplayern; wir dürfen sie keineswegs unterschätzen. Ich mache mir bei Amazon und Facebook aber größere Sorgen als bei Apple, das wir bisher als sehr fairen Partner kennengelernt haben. Die Sparkassen-Kunden waren ja die Ersten, die Apple Pay in Deutschland nutzen konnten. Darauf sind wir stolz – und daran können wir anknüpfen.

Welche Entwicklung wird das Bankenwesen entscheidend verändern?

Vogelsang: Es gibt derzeit einen Trend, dass viele Firmen versuchen, sich eine Banklizenz zu verschaffen, oder mit Partnern kooperieren, die eine Banklizenz haben, um auf diesem Umweg Bank zu spielen. Einige ziehen sich schon wieder zurück, weil sie den regulatorischen Aufwand unterschätzt haben. Die meisten Player wollen aber gar keine Bankdienstleistungen erbringen, sondern sind nur an den Daten ihrer Kunden interessiert. Und die landen nicht bei einem Partner, den man aus dem Inland kennt, sondern bei anderen Stellen. Das beobachten wir kritisch; hier wollen und müssen wir mehr Aufklärungsarbeit leisten.

Die Haspa fördert sehr stark Unternehmensgründungen und Start-ups. Was können Sie und Ihre Mitarbeitenden von jungen Unternehmerinnen und Unternehmern lernen?

Vogelsang: Ganz viel. Sie sind hungrig – das müssen sie auch sein, weil sie alles, was sie hatten, in die Neugründung eingebracht haben. Sie sind verdammt zum Erfolg, deshalb wahnsinnig agil, innovationsfreudig und trauen sich zu auch, mal zu scheitern. Davon können wir profitieren, indem wir auch ein Stück weit versuchen können, so fit zu sein wie die Start-ups. Wir haben deshalb einen ständigen Blick dahin und es lohnt sich, von Start-ups zu lernen. Wir haben viel Kontakt zu ihnen. Wir fördern die meisten Hamburger Start-ups – etwa 70 Prozent – und haben deshalb immer die Chance, eng dran zu sein und vom Gründergeist zu profitieren.

Die Sparkassenwelt war vor einigen Jahren noch förmlicher: Die meisten Mitarbeitenden trugen Krawatte, haben sich gesiezt. Jetzt fahren Sie als Chef zum Beispiel mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wie wandeln sich die Hamburger Sparkasse und Sie sich als Chef weiter?

Vogelsang: Das sind ja einfache und bescheidene Ansätze – und die machen auch Spaß. Für mich ist das nur ein bisschen Wandel. Der eigentliche Wandel, den wir mit solchen Symbolen flankieren, besteht darin, dass wir die Kultur drehen: von einer hierarchisch geprägten hin zu einer auf Fehlerkultur ausgerichteten, schnelleren, agileren Vorgehensweise. Wir versuchen, die Haspa noch stärker auf die Kundenbedürfnisse auszurichten und die Mitarbeitenden, die unmittelbar am Thema dran sind, zur Sprache kommen zu lassen und nicht alles über Hierarchieebenen zu regeln. Das macht uns flinker, stellt uns besser für die Zukunft auf und macht uns attraktiver für junge Menschen. Wir haben eine eigene Abteilung für Change Management gegründet, die diesen Unternehmenswandel vorantreibt. Das funktioniert sehr gut, zum Beispiel über regelmäßige Town-Hall-Meetings mit bis zu 2.000 Mitarbeitenden, die unmittelbar ihre Fragen an die Geschäftsführung stellen können.

Welche Perspektive haben Sie für die Hamburger Sparkasse. Ist sie in zehn Jahren noch da?

Vogelsang: Daran glaube ich ganz fest. Ich glaube auch daran, dass wir in 100 Jahren noch da sind. Wir feiern in fünf Jahren 200-jähriges Bestehen – und da können gern noch 100 oder 200 Jahre dazukommen. Wenn ich mir anschaue, wie die Hamburger Sparkasse 1827 begonnen hat und wie wir uns durch die Zeit und die verschiedenen Änderungen bewegt haben, dann geht das so weiter. In zehn Jahren werden wir noch digitaler sein, wir werden für die Kunden alles vom Smartphone her zu denken. Wobei mich heute schon interessiert, welche die Nachfolgetechnologie vom Smartphone oder Tablet sein wird.

Wir werden aber immer versuchen, die Bank der Zukunft mit einem stationären Auftritt in der Nachbarschaft zu kombinieren. Denn die unmittelbare Verankerung in der Nachbarschaft, der Austausch von Mensch zu Mensch und das Auskennen mit echten Bedürfnissen – kombiniert mit dem Thema Nachhaltigkeit – wird für uns der entscheidende markenprägende Faktor sein.

Wir engagieren uns sehr stark beim Thema Nachhaltigkeit. Dazu fühlen wir uns ganz besonders berufen. Denn durch unsere besondere Konstruktion – als einzige Bank in Deutschland, die sich selbst gehört – sind wir per se seit dem Gründungsakt das nachhaltigste Unternehmen, das man sich vorstellen kann. Denn jeder Euro, den die Haspa verdient und versteuert hat, geht wieder ins eigene Kapital und kommt dem Wachstum in der Region zugute. Denn wir denken in der Region für die Region. Das ist unter ESG-Gesichtspunkten ein großer Aspekt.

Verändert sich Ihr Business mit dem Thema Nachhaltigkeit?

Vogelsang: Es verändert sich deutlich, Schritt für Schritt. Nicht nur regulatorisch getrieben durch die Finanzinstitute, sondern vor allem durch uns selbst. Wir haben 800 Berater geschult, um Nachhaltigkeitsberatung anbieten zu können. Und jeder zweite Euro, der aktuell in Investments geht, geht in nachhaltige Investments. Auf der Kreditseite versuchen wir, jedes Unternehmen dabei zu begleiten, diesen Wandel hinzubekommen. Ein großes Themenfeld ist dabei für uns das Immobilienfinanzierungsgeschäft. Hier ist der Hebel groß und es geht nicht nur darum, dass große Entwickler ganz andere Technologien ausprobieren, Häuser mit Holz bauen oder mit recycelbaren Baustoffen. Das begleiten wir von Anfang an, auch wenn es zunächst etwas aufwendiger ist. Die Risikoeinschätzung ist eine andere. Aber wir haben uns dem Thema von Beginn an gestellt und wollen auch als Partner frühzeitig mit dabei sein, um diese Entwicklung zu fördern und auch zu lernen.

Ist Nachhaltigkeit in Zukunft ein Kriterium dafür, einen günstigeren Kredit bei Ihnen zu bekommen?

Vogelsang: Die Refinanzierungsfrage wird an einer anderen Stelle gestellt. Denn günstigeres Geld bekommen Sie immer dann, wenn es von der Bankenaufsicht, der EZB oder der Europäischen Union privilegiert ist. Die haben den Hebel dafür in der Hand, wie günstig wir uns refinanzieren können. Die Frage, die wir dann bewegen, lautet: Bekommen Kunden den Kredit überhaupt?

Gibt es Nachhaltigkeitsprojekte und -themen, auf die Sie besonders stolz sind und mit denen die Haspa grüner wird?

Vogelsang: Wir haben als eine der ersten Sparkassen den Nachhaltigkeitskodex der Sparkassen unterzeichnet, da waren wir aus Überzeugung ganz vorn dabei. Wir haben ein großes Nachhaltigkeitsprojekt auf die Beine gestellt, aber auch schon vor Jahren definiert, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck verbessern wollen. Es gibt aber kaum jemanden, der unseren Nachhaltigkeitsbericht kennt, weil wir uns konsequent dazu entschieden haben, ihn nur digital zur Verfügung zu stellen.

Was wir uns selbst vornehmen: Wir senken sehr deutlich unseren CO2-Footprint und wollen die 6.000 Tonnen jährlich gen Null reduzieren. Wir sind in der Klimatechnik stark unterwegs, setzen noch stärker auf LED-Technik und reduzieren unseren Papierversand massiv. Wir haben uns vorgenommen, bis 2025 klimaneutral zu sein. Das wollen wir so wenig wie möglich über Zertifikate tun. Und dann wollen wir den großen Hebel betätigen: Das heißt unsere 1,5 Millionen Kundinnen und Kunden sowie Firmen zu befähigen, den Wandel durch Milliarden von Krediten richtig hinzubekommen und andererseits durch Einlagen und Investitionen in die richtigen Produkte hinzubekommen. Das ist der größte Hebel, den die Haspa hat. Aber man muss bei sich selbst anfangen und deshalb tun wir das auch.

Welche unternehmerischen Ziele verfolgen Sie für die nächsten Jahre, um weiter zu wachsen?

Vogelsang: Unser Ziel ist, aus eigener Kraft heraus zu wachsen – auch sehr stark in der digitalen Welt. Wir wollen die Nachhaltigkeit voranbringen und unseren Kulturwandel vorantreiben. Wir haben etabliert, dass wir in vier Kategorien den Erfolg der Haspa messen: Über die Kundenzufriedenheit und die Weiterempfehlungsbereitschaft, über die Mitarbeiterzufriedenheit, über die finanzwirtschaftlichen Kennzahlen und über die Innovationskraft. Dazu haben wir uns eine ganze Menge vorgenommen, einschließlich Neukundengewinnung. Wachstum ist wichtig, damit wir auch das Eigenkapital wachsen lassen können. Unsere Metropole soll nachhaltig wachsen und dazu muss auch die Hamburger Sparkasse wachsen. Und das will sie auch.

Gibt es eine Recruiting-Maßnahme, die sich für die Haspa als besonders erfolgreich erwiesen hat?

Vogelsang: Neben Haspa Next gibt es etwas, das einen viel größeren Effekt hat – es ist ganz banal, nicht so wahnsinnig innovativ, funktioniert aber exzellent: Wir sind seit Jahrzehnten besonders bemüht, qualitativ hochwertige Schülerpraktika anzubieten. Darüber gewinnen wir die meisten jungen Menschen. Zurzeit suchen wir sehr stark auch Private Banker, weil wir in diesem Bereich enorm wachsen. Dafür greifen wir auch auf unsere Kontakte auf LinkedIn, Xing oder aus unserem Netzwerk zurück. Die große innovative Maßnahme sehe ich hier noch nicht.

24.02.2022    Christian Buchholz
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