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24.02.2022    Kai Makus
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Alarm im Pflegeheim: Der Coronatest einer Bewohnerin ist positiv! Die Leitung handelt sofort, isoliert die 85-Jährige. Die leicht demente Dame wird in einen dunklen Raum gebracht. Dort liegt sie drei Tage. Allein. Ohne Gespräche, tröstende Worte, streichelnde Hände. Dann gibt der nächste Test Entwarnung. Sie darf wieder raus. Und ist noch verwirrter als vorher. Was mit ihr geschehen ist, kann sie nicht fassen. Der Schrecken der Einsamkeit hat sie tief getroffen. Sie versteht die Welt nicht mehr. Ihrer Nichte vertraut sie an, dass sie eigentlich nur noch eines will: sterben.

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Dramen im Pflegeheim

Solche erschütternden Dramen spielen sich in Deutschland tagtäglich ab. Dutzendfach. Nicht nur in Altenpflegeeinrichtungen gibt es viele Menschen, die des Lebens müde sind. Der Wunsch dieser Betroffenen dürfte zunächst unerfüllt bleiben: Individuelle Vorstellungen über das Ableben werden hierzulande kaum berücksichtigt. Die Medizin ist ethisch auf ein anderes Ziel ausgerichtet: Leben erhalten – und dies um jeden Preis. Der Wille der Patientinnen und Patienten steht dabei meist hintenan. Dabei ist selbstbestimmtes Sterben ein Kernelement des freiheitlichen Lebens. Freiheit nämlich, schrieb einst der Chirurg und Pionier der Anästhesie, Carl Ludwig Schleich, sei „Hingabe an eine selbstgewählte Idee“.

Freiheitlicher geht man in Nachbarländern wie der Schweiz oder den Niederlanden mit Sterbebegleitung um. Letztere haben 2001 die Regelungen für Ärztinnen und Ärzte gelockert, deren Patientinnen und Patienten nicht mehr leben wollen – „als erstes Land der Welt“, sagt Oliver Suhre, Deutschland-Chef der Sterbegeld­versicherung Monuta, die ihre Wurzeln in den Niederlanden hat. „Und zwar auf Initiative von Ärzten“, betont Suhre, der die Situation im Nachbarland genau kennt. Die Mediziner sahen sich in der Zwickmühle: „Ich soll Leben verlängern, merke aber gleichzeitig, dass Patienten nicht mehr können, nicht mehr wollen.“

Anderer Umgang mit dem Thema Tod

Ein Grund der Erleichterungen für die Ärzteschaft und die liberalere Handhabung des sensiblen Themas Sterbebegleitung ist nach Einschätzung von Suhre der calvinistische Hintergrund vieler Niederländer. Diese reformierte christliche Glaubensrichtung sorge mit ihrer Ethik für mehr Offenheit in der Gesellschaft. 

Ein Beispiel dafür: „Wenn Sie abends durch die Straßen gehen, hat kaum ein Niederländer die Vorhänge zugezogen. Man kann in die erleuchteten Wohnungen sehen“, schildert er. Letztlich trage diese Grundeinstellung auch zu einem offeneren Umgang mit dem Tod bei, so Suhre: „Die Niederländer beschäftigen sich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit dem Thema, beispielsweise wenn die Kinder aus dem Haus gehen.“ Das zeigt sich auch in der Absicherung. Haben in den Niederlanden mehr als zwei Drittel der Einwohner für ihr Ableben vorgesorgt, ist es in Deutschland nicht einmal jeder Zehnte.

Personalnot in Pflegeheimen wächst

Zugleich wächst in hiesigen Pflegeheimen die Verzweiflung. Die Betreuungssituation spitzt sich zu, die Coronapandemie verschärft den Mangel an qualifizierten Mitarbeitenden noch. „In den Krankenhäusern ist die Verfügbarkeit von Pflegepersonal schon knapp“, sagt Professor Jochen A. Werner, Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen. „In vielen Senioreneinrichtungen dürfte die Lage sogar noch problematischer sein“, so der Mediziner. Werner warnt: „Der Pflegenotstand droht zuzunehmen.“

Der Fachkräftemangel trifft auf einen wachsenden Bedarf: Die Zahl der Hochbetagten im Alter von über 80 Jahren soll sich laut Bertelsmann Stiftung bis 2030 auf mehr als acht Prozent der Bevölkerung erhöhen. Zum Vergleich: 2009 lag er noch bei fünf Prozent. Der „Pflegeheim-Atlas Deutschland“ erwartet schon in acht Jahren hierzulande insgesamt fast 3,6 Millionen Pflegebedürftige, davon rund 1,1 Millionen in Heimen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) warnt bereits, es könnten 2035 über 300.000 Pflegekräfte fehlen.

Keine Entspannung in Sicht

Die deutsche Gesellschaft vergreist also immer mehr. Und in den Pflegeheimen dürfte sich die Situation auch nach der Pandemie kaum entspannen. Immer mehr Dramen drohen. Die Politik hält sich noch bedeckt. Doch die Pandemie hat gezeigt, wie dringlich die Situation ist. 

Dies war Anlass für eine erste Initiative im Bundestag, die sich der Sache annimmt. Kürzlich legte eine fraktionsübergreifende Gruppe um den SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Castellucci einen Entwurf zur Neuregelung vor. Die Sterbehilfe beziehungsweise die Suizidbeihilfe wird darin unter Bedingungen gestellt und ihre Notwendigkeit be­gründet. Nun will die Gruppe Unterschriften für ihren Vorstoß sammeln. Wenn fünf Prozent der Bundestagsmitglieder die Vorlage unterstützen, kann sie im Plenum behandelt werden. Wann dies so weit sein könnte, ist derzeit noch offen. Doch die Zeit drängt, wie der wachsende Pflegenotstand belegt.

„Wir werden uns dem Thema selbstbestimmtes Sterben ein Stück weit öffnen müssen, wenn wir erschütternde Situationen im Altersheim und in der Pflege verhindern wollen“, sagt Monuta-Chef Suhre. Dafür müsse es gelingen, „einen anderen Umgang mit dem Tod zu finden“. Suhre hofft, dass auch unter Medizinern eine Debatte über Sterbehilfe entstehen kann: „Ärzte, die das Leben eigentlich verlängern sollten, könnten die Diskussion anführen und ver­suchen, eine Grenze zu definieren, ab der Leben nicht mehr lebenswert ist und ab der man vielleicht auch ein Stück weit aktiv eingreifen könnte.“

24.02.2022    Kai Makus
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